Ein grundlegendes Problem wird bei der Untersuchung zum Thema Musik deutlich: Es ist kaum möglich, ein so komplexes Gebilde wie es die heutige Popmusik darstellt, wissenschaftlich korrekt abzubilden. Denn inzwischen scheint Musik viel mehr als nur Unterhaltung zu sein. Sie übt auch gesellschaftlichen Einfluss aus und sorgt sogar für die Entstehung so genannter Subkulturen.[1]
Mit Hilfe von Musik kann die soziale Kompetenz verstärkt werden. Ein Rezipient fühlt sich in seiner Gruppe wohl. Durch den Erwerb bzw. Konsum von bestimmter Musik erfolgt Integration. Gruppenprozesse und das Gemeinschaftserleben kann gesteigert werden. Ebenso fördert ein gemeinsamer Musikgeschmack die Kommunikation. Psychisch wirkt die Musik unter anderem auf die Emotionen. Beim Hörer kann Wut, Verzweiflung, Trauer und vieles mehr hervorgerufen werden. Ebenso kann Musik beruhigen oder trösten. Besonders schnelle, harte Musik kann auch die physischen Abläufe im Körper beeinflussen: Atmung und Herzschlag beschleunigen oder auch zur Entspannung beitragen.[2]
Tabubrüche gibt es in der modernen Musikbranche schon seit einiger Zeit. Ist es Anfang des 20. Jahrhunderts noch Jazz und Swing, der für Aufsehen sorgt und vom Naziregime sogar als entartet bezeichnet wird[3], so ist es in den 60er Jahren die Beatmusik. „Die frühe britische Beatmusik hat (…) ein Stereotyp von Jugend produziert – die Songs der Beatles, der Who, der Rolling Stones oder der Kinks bis etwa 1966 liefern Musterbeispiele dafür.“[4] Die Beatmusik sorgte für kreischende Mädchenmassen und einen Aufschrei in der Elterngeneration. Musikalisch folgte wenig später die „Hippie-Musik“, die der Jugend einen Hauch von Freiheit suggerierte und mündete schließlich in Rock, Hard Rock und Heavy Metal. Beispiele für besonders provozierende Künstler waren beispielsweise Alice Cooper oder Marylin Manson. Die Tabubrüche im Bereich der Musik bieten „als Medium des Ausbruchs und der Provokation (…) der Adoleszenz die Möglichkeit sich vom Alltag und der Erwachsenenwelt abzugrenzen oder gar eine Gegenposition dazu einzunehmen.“[5]
Jedes Beispiel eines Tabubruchs in der Musikgeschichte aufzuzählen ist bei der Vielzahl der inzwischen begangenen Tabubrüche wohl kaum mehr möglich. Dennoch gibt es einige herausragende Beispiele, die sicherlich etwas genauerer Betrachtung bedürfen. In junger Vergangenheit sind „Die Ärzte“, die „Böhsen Onkelz“ oder die „Fantastischen Vier“ als Beispiele zu nennen. Sie alle haben Grenzen übertreten und allesamt Kontakt mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gehabt.[6] Sie alle waren bzw. sind überaus erfolgreich und haben inzwischen zahlreiche goldene Schallplatten erhalten. Für diesen Beitrag sollen „Die Ärzte“ stellvertretend etwas genauer betrachtet werden.
„Die Ärzte“ setzen ihre kindischen Attitüden als kunstvoll erfundene Provokation gegen die Anfang der Achtzigerjahre viel zu ernst gewordene altlinke Berliner Szene ein. Anfangs noch wollen die Hausbesetzer mit ihnen die Charts erobern, doch der Plan funktioniert nicht. Das Publikum wechselt: die Punks bleiben weg, dann die Hausbesetzer und später auch die Studenten. Wer bleibt, sind die Kids, die auch heute noch in Scharen zu Konzerten der Berliner Spaßmusiker pilgern.
Die Frage stellt sich, was die Berliner Band so einzigartig macht. Zum Einen passen sie in keine Schublade. Für die Metal-Szene sind sie musikalisch nicht anspruchsvoll genug, für die Yuppie-Szene zu schmuddelig, und in die Punkbewegung passen sie aufgrund ihrer Texte auch nicht mehr. Die deutsche Rockmusik befindet sich auf einem Tiefpunkt und die Jugendlichen dadurch in einer Krise. „Die Ärzte“ füllten in mit ihren punkigen Kinderliedern in dieser Zeit eine Lücke und haben Erfolg. Ihre Lieder bestechen durch klare, einfache Rhythmen, eine kleine Melodie, gekonnte Reime und eine kleine Geschichte.[7] Aber etwas ganz anderes scheint sie so besonders zu machen: „Die Ärzte erzählen genau die Geschichten, die sich Kids ins Ohr flüstern, wenn die Eltern nicht zuhören.“[8]
Doch mit zunehmendem Interesse der Öffentlichkeit beginnt auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die damals noch unter dem Namen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften firmiert, sich für die Berliner Band zu interessieren. Die Alben „Debil“, „Die Ärzte“ und „Ab 18“ landen auf dem Index, was der Popularität der Band jedoch nicht schadet. Der Fernsehauftritt bei „Live aus dem Alabama“ am 12. Oktober 1987, einen Tag nachdem der Politiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde, katapultiert sie auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen. Bevor sie das indizierte Lied „Geschwisterliebe“ als Instrumentalversion zum Besten geben, fordert die Band das Publikum mit folgenden Worten auf, diesen Song nicht mitzusingen: „Singt dieses Lied nicht, Uwe Barschel hat es gesungen und ihr wisst, was aus ihm geworden ist!“[9] Dennoch: Trotz des Erfolges löste sich die Band aufgrund der Probleme mit der Bundesprüfstelle noch im gleichen Jahr auf.[10]
Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009, S. 49ff.
Literaturhinweise
[1]Wicke, P. (o. J.), Populäre Musik als theoretisches Konzept, In: URL: http://www2.huberlin.de/fpm/popscript/themen/pst01/pst01010.htm [am 09.02.2007].
[2]vgl. Zeise, T. (2006), Worte und Vinyl, Dissertation, München, 2006, S. 32 f.
[3]vgl. Jockwer, A. (2004), Unterhaltungsmusik im Dritten Reich, Dissertation, Konstanz, 2004, S. 518 ff.
[4]Wicke, P. (o. J.), Populäre Musik als theoretisches Konzept, In: URL: http://www2.huberlin.de/fpm/popscript/themen/pst01/pst01010.htm [am 09.02.2007].
[5]Zeise, T. (2006), Worte und Vinyl, Dissertation, München, 2006, S. 34.
[6]vgl. Seim, R., Spiegel, J. (2001), Der kommentierte Bildband zu „Ab 18“ – zensiert, diskutiert, unterschlagen – Zensur in der deutschen Kulturgeschichte
, 2001., S. 176 ff.
[7]vgl. Wagner, P. (1999), Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland, Hamburg, 1999., S. 179 f.[8]Wagner, P. (1999), Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland, Hamburg, 1999., S. 180.
[9]Roth, W.-D. (2003), Ein überdimensionales Fanbuch frisst die Ärzte auf, In: URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16383/1.html, Heise Zeitschriftenverlag (Hrsg.).
[10]Anmerkung: Die Band gibt es seit 1993 mit neuem Bassisten wieder. Allerdings hatten die
Ärzte seitdem keine Probleme mehr mit der BPjM.