logo

Jazz-Hörer sind verantwortungslos?

23 August 2009 | No Comments »

Eine neue Studie1 weißt den Fans unterschiedlicher Musikgenres verschiedene Charaktereigenschaften zu. Dies werde dadurch möglich, dass man über Musik versuche sich selbst darzustellen und eine bestimmte Botschaft nach außen zu tragen. Damit stützt diese neue Studie auf gewisse Weise Hypothese “Individualität”2.

Jason Rentfrow, Leiter der Studie, sagte dazu der englischen Zeitung Daily Telegraph: “”This research suggests that, even though our assumptions may not be accurate, we get a very strong impression about someone when we ask them what music they like.”3. Aus diesem Grund liegt die Vermutung nahe, dass die Musikauswahl durchaus auch als Ausdruck der Persönlichkeit nicht nur genutzt, sondern unter Umständen auch missbraucht werden kann.  Wenn man nun offen zugibt, eine bestimmte Art von Musik – beispielsweise tabubrechende Stücke aus den Metal- oder HipHop-Genres – gibt man eine klare Aussage ab. Eine bewusste Weitergabe / Zurückhaltung von Informationen über den eigenen Musikgeschmack kann somit als eine Art Manipulation verstanden werden. Dadurch kann man beispielsweise eine provokante Aussage abgegeben, um sich als Individuum darzustellen.

Die Studie sagte dabei aus, dass “Rock-Fans zum Beispiel für Rebellen und künstlerisch aber für emotional instabil gehalten”4 werden, während Hörer von klassischer Musik als sympathisch und intellektuell gelten, dabei aber als unattrativ und langweilig wahrgenommen werden. Fans von Jazz sollen laut Studie freundlich aber wenig verantwortungsbewusst sein. HipHop-Hörer werden als energetisch und athletisch angesehen, aber gleichzeitig als feindselig wahrgenommen.5

Literaturhinweise
[1] Matyszczyk, C. (2009), What your iPod playlist says about you, In: URL:
http://news.cnet.com/8301-17852_3-10315679-71.html, CNet.com (Hrsg.).
[2] Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, Münster, 2009, S. 62.
[3] Singh, A. (2009), You are what you listen to, says new study of music lovers, In: URL: http://www.telegraph.co.uk/science/science-news/6067389/You-are-what-you-listen-to-says-new-study-of-music-lovers.html.
[4] o. V. (2009), Jazz-Fans gelten als verantwortungslos, In: URL: http://www.dnews.de/wissenschaft/100431/jazz-fans-gelten-als-verantwortungslos.html.
[5] vgl. o. V. (2009), Jazz-Fans gelten als verantwortungslos, In: URL: http://www.dnews.de/wissenschaft/100431/jazz-fans-gelten-als-verantwortungslos.html.

Kitty Kat – Braves Mädchen

2 August 2009 | No Comments »

Seit gestern kursiert im Internet das Video zu ersten offiziellen Single aus Kitty Kats Debütalbum Miyo, das am 4. September erscheint. Der Song heißt “Braves Mädchen” und wird ab 21. August 2009 in den Läden stehen. Und der Song hat durchaus Hitpotential, denn die Texte bringen genau das zum Ausdruck, was in der Jugend sowieso gerne gelebt wird: Eigentlich bin ich ganz lieb, nur heute nicht.

Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht. Ich rauche, ich saufe, ich sitz aufm Tisch mit deinem Typ. Ich bin in Partystimmung, geh mir aus dem Weg. Ich feier, ich pöbel, ich spring durch den Club und dreh ab. Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht.” – Zu diesen Lyrics kommt der ungewohnt poppige Sound, der sich mit Sicherheit auch gut im Club machen würde. Gut vorstellbar, wie dieser Song in den Discos der Nation auf dem Plattenteller rotiert und die jungen Mädels, die eben “nur heute Nacht” nicht brav sind, zum lautstarken Mitsingen animiert.

Der konkrete Tabubruch ist an diesem Song nur schemenhaft erkennbar, denn die beschriebene Situation ist schon lange Wirklichkeit in der deutschen Partyszene. Dass jetzt jemand auf den Punkt bringt, wie gefeiert wird – und das auch erstmals aus der weiblichen Perspektive (1. Person), ist sozusagen ein “Schweigen brechen” und damit interessant. Die Frage bleibt nur wie authentisch oder glaubwürdig die Textzeile “Ich bin ein braves Mädchen” von jemandem transportiert werden kann, der zuvor mit Gastauftritten im Sido-Song “Ficken” oder auch mit Texten wie “Ich bin ‘ne Frau, aber wäre ich’n Mann, würd’ ich dir jetzt sagen alta ‘lutsch mein’ Schwanz’!” von sich reden gemacht hat. Dass “brave Mädchen” will nicht wirklich glaubwürdig rüber kommen – die Verhaltensweise im Club dagegen umso mehr.

Kitty Kat

16 July 2009 | No Comments »

Nachdem Kitty Kat bereits mit mehreren Gastauftritten u.a. bei Sido von sich reden machte, kommt die Berlinerin – mit bürgerlichem Namen Katharina Löwel -  in Kürze auch mit ihrem eigenen Soloalbum auf den Markt. Der deutsche Hip Hop wird wieder um einen Skandal reicher. Als erstes lässt sich das Stück “Bitchfresse” auf YouTube inklusive Video begutachten. Und ja, textlich macht Kitty Kat da weiter, wo sie bereits mit Sido angefangen hatte. Beim Thema Sex. Und sicherlich auch hier mit diskussionswürdigen Texten.

Musikalisch ist das Stück sicherlich nicht besonders anspruchsvoll… ein Beat, der auch nicht unbedingt ins Ohr, sondern eher gemütlich im Hintergrund vor sich hindudelt. Der Text hingegen hat es in sich und wäre vor gut 25 Jahren mit Sicherheit ein Fall für die Bundesprüfstelle gewesen. Heute ist alles etwas lockerer geworden, daher sicherlich auch hier kein Eingreifen zu erwarten. Dennoch, Kitty Kat spielt eindeutig mit dem Image sich als weibliche Rapperin in einem harten, männerdominierten Genre zu behaupten. Bei diesem Song ist mit King Kool Savas auch ein alter Bekannter mit im Boot. Es ist also alles im Paket, um mit geeigneter Promo direkt bei MTViva durchzustarten – bei Youtube wurde das Video am ersten Tag bereits 40.000 mal abgerufen[1].

Kitty Kat vermischt geschickt die beiden gängigen Hip Hop Klischees: Gangster und Sexismus. Ein kurzer Blick auf die Lyrics: “Dumme Schlampen wissen: Fick nicht mit Kat / Typen wollen ne Lady, doch ‘ne Bitch in ihrem Bett / Aha, ne Diva, die weiß wie man abzieht, weiß wie man abzieht – eiskalt / Ich weiß, du willst Sex. Ich weiß, du willst Kat oder Kopf – wie auch immer / Er kauft mir Dinner. Ich geh mit ihm aufs Zimmer / Ziel auf seinen Dick und sag ‘Gib mir meinen Shit’ / Du wirst gebumst, aber nur von meinen Jungs / wobei wir da schon sind, los auf mit deinem Mund / Ich bin ‘ne Frau, aber wäre ich’n Mann, würd’ ich dir jetzt sagen alta ‘lutsch mein’ Schwanz’!

Dennoch vertritt Kat in einem Interview[2] die Meinung, dass das übertrieben sexistische Weltbild, das von vielen männlichen Hip Hoppern vertreten wird, nicht in Ordnung ist: “Es gibt da draußen viele kleine Mädels, die jemanden brauchen, bei dem sie sich etwas abgucken können. Es gab für eine sehr lange Zeit nur die ganzen Jungs mit den Weibern in ihren Videoclips, die mit ihren Ärschen wackeln. Leider nehmen das viele kleine Mädels an und denken, dass wäre ja alles so cool. Die rennen dann schon mit neun Jahren mit Tanga rum. Das ist traurig. Ich bin ganz klar dafür, dass die Mädels viel selbstbewusster auftreten und sich nicht alles bieten lassen. Ich bin keine Bitch nur weil ich eine Frau bin. Mit dem Vorbild sein ist das so eine Sache. Ich habe selbst auch viel Mist gebaut und kann ihnen nicht erzählen, was sie tun oder lassen sollen. Aber dennoch sollten sie selbstbewusst sein und sich nicht so leicht hergeben.” Klingt doch anders, als die Songtexte selbst.

Ungeachtet dessen bleibt es dabei: Mit den Texten und den bisherigen Gastauftritten von Kitty Kat, hat sich die Rapperin bereits einen Namen und einen Ruf innerhalb der Szene erarbeitet. Diesen gilt es jetzt zu bedienen. Wenn ab 28. August das komplette Album namens “Miyo!”
erscheint, wissen wir mit Sicherheit mehr – die Single “Braves Mädchen” kommt bereits am 21. August in die Läden. Die Entwicklung werden wir auf jeden Fall weiter verfolgen.

Quellenangaben:
[1] http://www.berlinista.com/de/artikel/berlinerin-kitty-kat-mit-debuet-miyo/8097
[2] http://hiphopnewskoeln.wordpress.com/2009/07/04/kitty-kat-riesen-interview-hhde/

Weiterführende Links:
Offizielle Homepage von Kitty Kat
Kitty Kat bei MySpace
“Miyo!” bei Amazon.de

Kim Petras

16 July 2009 | No Comments »

In Großbritannien schon ein Pop-Sternchen: Kim Petras. Geboren wurde die 16-Jährige als Tim Petras und lebt in Bonn. Sie ist damit die jüngste transsexuelle Künstlerin und die jüngste Deutsche, die mit einer Hormontherapie beginnen konnte[1]. Zwar ist Transsexualität in der heutigen Zeit nicht mehr so verpöhnt, wie noch vor fünfzig Jahren, dennoch ist der offene Umgang einer Künstlerin damit – insbesonder in jungen Jahren – bemerkenswert und nicht alltäglich. Auch heute gelten Transsexuelle häufig noch als Paradiesvögel. “Die Geilheit der Medien auf ‘anders sein’ ist einfach zu groß,” so bringt Sheila Wolf das Ganze passend auf den Punkt. Und aus genau diesem Grund – das Medien gerade das “Andersartige” so schätzen und portraitieren -  würde ich die Geschichte von Kim Petras als Tabubruch werten. Allerdings muss man dabei festhalten, dass es sich dabei keinesfalls um einen beabsichtigten, auf PR abgezielten Tabubruch handelt – zumindest nicht vom Künstler aus.

Der Musikstil enthält nicht viel besonderes – moderner Pop. An einigen Stellen glattgebügelt und mit Effekten überladen, so dass die Sängerin prinzipiell beliebig austauschbar wäre. Kim hat allerdings ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Inzwischen ist sogar die Bild-Zeitung auf Kim aufmerksam geworden. Die Frage ist: Wäre sie das auch ohne die Hintergrundgeschichte? Wie sich ihre Karriere weiter entwickeln wird, lässt sich leider noch nicht sagen, sollte man aber sicher im Auge behalten. Ein Nachteil dieser Popularität stellt sich aber auch unmittelbar ein – gehässige Kommentare zu Kims Sexualität. Mit diesen wird sie fortan leben müssen. Es könnte durchaus sein, dass die Musik selbst, die  – wie bereits beschrieben – nicht unbedingt als außergewöhnlich zu beschreiben ist, in den Hintergrund gedrängt wird, und Kim fortan nur über ihre Sexualität definiert wird.[2] Aber vielleicht ist auch gerade das die Strategie der Plattenfirma?

Literaturhinweise:
[1]http://www.trans-eltern.de/
[2] vgl. http://badhairdaysandmore.blogspot.com/

Interessante Links:
Kim Petras bei MySpace

Kim Petras bei YouTube

4’33″

9 July 2009 | No Comments »

Das Stück 4’33″ – gesprochen “Four Minutes. Thirty-Three Seconds” – sorgte bereits bei seiner Uraufführung für aufsehen. “Am 29. August 1952 spielte der amerikanische Pianist David Tudor in New York die Uraufführung einer neuen Komposition. Er nahm am Flügel Platz, schloss den Klavierdeckel, harrte exakt 4 Minuten und 33 Sekunden an seinem Instrument aus und öffnete den Deckel wieder. Tudor spielte – nichts.”[1] Die Zuhörer reagierten daraufhin überrascht. Ein solches Musikstück hatte es bis dato nicht gegeben. Ein Stück, das zwar aus drei Sätzen besteht, die zwar in der Länge variiern, jedoch inhaltlich gleich sind und nur eine Anweisung enthalten: Tacet. Stille. “Bei der Premiere wussten einige Zuhörer nicht einmal, dass sie überhaupt etwas gehört hatten.”[2]

Damit stellte dieses Stück eine ganz besondere Form des Tabubruchs dar. Es solle sich um Musik handeln, jedoch verweilten die Musiker für 4’33 still, wodurch sich viele der Anwesenden um ihre Musik betrogen fühlten. “Cage sagte: »Die Leute begannen, mit einander zu tuscheln, einige begannen zu gehen. Sie lachten nicht – sie waren lediglich irritiert, als sie merkten, dass nichts passieren würde. Auch 30 Jahre danach haben sie es nicht vergessen: sie sind immer noch wütend.«”[3] Wenn man sich länger mit diesem Stück beschäftigt, so merkt man, dass es wohl garnicht die Absicht war die Menschen zu verärgern, sondern den Fokus auf etwas anderes zu legen. Cage hat kein stilles Stück, oder gar pure Stille geschaffen. Sobald ein Publikum vor Ort ist, wird es selbst zum Protagonisten des Stücks. Jeder des Geräusch, Husten, Niesen oder Lachen wird teil des Kunstwerks. Aus diesem Grund ist es auch unmöglich 4’33″ in derselben Form zweimal aufzuführen. “Although often described as a silent piece, 4’33″ isn’t silent at all. While the performer makes as little sound as possible, Cage breaks traditional boundaries by shifting attention from the stage to the audience and even beyond the concert hall. You soon become aware of a huge amount of sound, ranging from the mundane to the profound, from the expected to the surprising, from the intimate to the cosmic –shifting in seats, riffling programs to see what in the world is going on, breathing, the air conditioning, a creaking door, passing traffic, an airplane, ringing in your ears, a recaptured memory. This is a deeply personal music, which each witness creates to his/her own reactions to life. Concerts and records standardize our responses, but no two people will ever hear 4’33″ the same way. It’s the ultimate sing-along: the audience (and the world) becomes the performer”[4]

In der Folge lässt sich sicher darüber diskutiern, ob es sich bei 4’33″ denn überhaupt um Musik handelt, da die Musiker im eigentlichen Sinne selbst ja kein Instrument “spielen”. Dennoch befolgen die Musiker und der Dirigent eine Partitur und musikalische Anweisungen: Die Atmosphäre des Raumes mit ihren Menschen bildet das eigentliche Kunstwerk. Daher kann man, sofern man die Umgebungsgeräusche im entferntesten Sinne auch als Musik definieren möchte, auf jeden Fall Musik. Paul “Hughes denied the performance was a »mindless gimmick« and said Cage believed »music was all around us all the time« and the piece was his attempt to make the audience focus on sounds that were »part of our everyday lives.«”[5]

Cage selbst erklärte im Jahr 1990 die Komposition: “When I wrote 4’33″ I was in the process of writing the Music of changes. That was done in an elaborate way there are many tables for pitches, for durations, for amplitudes. All the work was done with chance operations in the case of 4’33″. I actually used the same method of working and I bult up the silence of each movement and the three movements add up to 4’33″. I built up each movement by means of short silences put together. It seems idiotic but that’s what I did. I didn’t have to bother with the pitch tables. All I had to do was work with the durations [...] I didn’t know I was writing 4’33″. I built it up very gradually and it came out to be 4’33″. I just might have made a mistake in addition.”[6]

Tudor, der Pianist, der 4’33″ uraufgeführt hatte, sprach nach Cages Tod mit Reinhard Oehlschlägel und erzählte dabei: “Ich habe dann noch weitere Detektivarbeit geleistet und entdeckt, dass er [Cage H.-F.B.] als Teil des kompositorischen Prozesses zu diesem Stück als erstes das I Ging nach der Beziehung zwischen geraden und ungeraden Zahlen befragt hat. Durch Münzwurf erhielt er die Antwort, dass ausschließlich gerade vorkommen sollten. Da der Kompositionsprozess der gleiche wie in Music of Changes war, bedeutete gerade Zahlen: keine Töne.”[7]

4’33″ stellt sicherlich einen wichtigen Meilenstein in der Musikgeschichte dar – gleichzeitig aber auch einen Tabubruch. Cage war der Erste, der es offen wagte gegen die ungeschrieben Gesetze – sofern man die Musiktheorie und Kompositionslehre nicht als Gesetz zugrunde legt – der Musik aufbegehrte. Damit ebnete er auch den Weg für weitere Musiker gängige Grenzen der gesellschaftlich akzeptierten Musik zu übertreten.

Literaturhinweise:
[1]Spahn C. (2006), Nichts zu hören, In: URL: http://www.zeit.de/2006/07/D-Aufmacher_Musik, Die Zeit (Hrsg.).
[2]White, M.J. (1982), Cage in conversation with Michael John White, In: Kostelanetz, R. (1988), Conversations with Cage, o.O., 1998, S. 66.
[3]ebenda.
[4]Gutmann, P. (2000), John Cage and The Avant-Garde: The Sound of Silence, In: URL: http://www.classicalnotes.net/columns/silence.html.
[5]o.V. (2004), Radio 3 plays ‘silent symphony’, In: URL: http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/3401901.stm.
[6]Bormann, H.-F. (2005), Verschwiegene Stille, München, 2005, S. 190.
[7]ebenda.

Tabubrüche im Heavy Metal

6 July 2009 | No Comments »

Die Musikrichtung Heavy Metal sorgt seit ihrem Bestehen für Aufsehen in der Gesellschaft. Waren es anfangs noch Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Alice Cooper, die für entsetzte Eltern sorgten, ist dieser Musikstil immer extremer geworden. Nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch, wenn man Auftreten, Image und Botschaften betrachtet. Besonders in der Musikrichtung Black Metal wird nicht mit antichristlichen Parolen oder Texten gegeizt. Der Teufel, der Tod, Blut, Helden, Schlachten, Dunkelheit und Okkultismus sind von Anfang an feste Bestandteile der gesamten Metal-Szene gewesen und sind es noch heute.

Nicht wenige Bands nutzen dies, spielen mit den Vorurteilen um ein Image aufzubauen oder Menschen zu erschrecken und Aufmerksamkeit zu erregen. Die englische Metalband Cradle Of Filth (zu Deutsch: „Wiege des Drecks“) ist spätestens seit der Veröffentlichung ihres Albums „Damnation And A Day“ bei dem Major‑Label SonyMusic nicht nur in der Metalszene besonders bekannt für provokante Liedtexte, CD‑Cover und Merchandise-Artikel. Besonders auffällig sind die extravaganten Motive der Band‑T‑Shirts, die als Merchandising in einer Vielzahl von Mailorderfirmen geführt und auch bei Konzerten verkauft werden. Schon mehrere Menschen sind zum Beispiel in England wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verhaftet und verurteilt worden, als sie ein T‑Shirt der Band getragen haben.[1] Meist provozieren die T-Shirts durch die aggressiven und bewusst provokant ausgelegten Sprüche, die als Rückenaufdruck aufgebracht werden. Meist sind diese Sprüche allgemein provokant gehalten, ebenso gibt es von Cradle Of Filth T-Shirts, die bewusst religiöse Symbole benutzen oder verunglimpfen. Doch bei Cradle Of Filth provozieren nicht nur die T-Shirts, auch CD-Cover, Liedtexte und Outfit der Band sind bewusst gewählt und stellen die Band nach außen hin extravagant und bedrohlich dar.

Gitarrist Paul Allender beschreibt es in einem Interview:
„It just seems to go hand in hand. You can’t have the sort of music we play and talk about fucking love and peace and all that bollocks. That’s the sort of thing that interests people – like, the unknown sort of attracts people, and it seems to work when you put it into our style of music.”[2] Ebenso trägt der bedrohliche Gesang des Sängers Dani Filth, der zwischen hohem Kreischen und tiefem gegrunzten Gesang abwechselt, zu diesem bösen Image bei.

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts sorgte eine weitere Metalband für gewaltige Medienaufmerksamkeit. Die amerikanische Death-Metal-Band Cannibal Corpse machte durch mehrere indizierte Alben und abgebrochene Tourneen auf sich aufmerksam. „They’re forbidden in Australia, banned in New Zealand, and forever exiled from the moral stalwart that is South Korea. The German government restricts what songs they can play within the nation’s borders.“[3] Sogar der Verkauf von Merchandiseartikeln, wie etwa T-Shirts, war in Australien oder Neuseeland temporär verboten.[4] Einerseits liegt dies bei Cannibal Corpse an den Texten der Songs und an den brutalen Coverdarstellungen. Die bereits 1991 wegen des Artworks indizierte CD „Butchered At Birth“ wurde 1994 zusätzlich bundesweit beschlagnahmt, was einem Totalverbot gleichkommt, denn mit der Beschlagnahme ist der Verkauf bzw. die Verbreitung auch volljährigen Personen untersagt.[5]

„[…] die auf dem Tonträger aufgezeichneten Liedertexte […] schildern eine Vielzahl grausamer und brutaler Tötungsszenen, durch die [versucht wird], die Anziehungskraft des Hörers auf Musik und Text zu gewinnen. […] Die einzelnem Liedertexte [enthalten] in grober und reißerischer Form die Wiedergabe des Geschlechtsverkehr[s] […] mit den währenddessen oder danach gefolterten, erschlagenen oder sonst grausam zu Tode gebrachten Opfern. [Die Texte] verharren in der schwelgerischen Darstellung von grausamen Folter- und Mordszenen“[6]

Bestimmte Lieder durften von der Band innerhalb der deutschen Grenzen zeitweise nicht gespielt werden[7], was zunächst von den Musikern nicht beachtet wurde. Nach Strafandrohungen und Auftrittsverboten wurden diese Songs nicht mehr im Live‑Programm bei Konzerten in Deutschland gespielt.[8] Cannibal Corpse haben es geschafft, zur erfolgreichsten[9] Death Metal Band in den USA zu werden.[10]

Ein weiteres Beispiel für einen Tabubruch könnten die Monsterrocker der finnischen Band Lordi sein: In furchterregenden Kostümen spielen sie eher gemäßigte Metal- bzw. Hard-Rock-Musik und gewannen damit im Jahr 2006 den Eurovision Songcontest.[11] Es zeigt sich also, dass in der Metalszene gerne mit Tabus und gesellschaftlichen Ängsten gespielt wird. Dabei kann festgehalten werden, dass Tabubrüche in der Heavy Metal Szene meistens religiös bzw. antichristlich oder aber gewaltorientiert sind.

Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009, S. 51ff.

Literaturhinweise
[1] o. V. (2005c), 35-Year-Old Cradle Of Filth Fan Cries In Court, Is Told To ‚Grow Up’, In: URL:
http://www.roadrun.com/blabbermouth.net/news/news.aspx?mode=Article&newsitemID=34036, Blabbermouth.net (Hrsg.).
[2] Duperron, P. (2004), Cradle Will Rock, In: URL: http://www.vueweekly.com/articles/default.aspx?i=1063.
[3] Driver, M. (2000), Cannibal Corpse, In: URL: http://www.seattleweekly.com/music/0007/music-driver.php.
[4] o. V. (2006), Cannibal Corpse, In: URL: http://www.rockalarm.de/rockalarm2006/pages/site.php?page=bandinfo&id=184.
[5] vgl. Seim, R. (o. J.), Fascinating Censorship: Mundane Behavior in the Treatment of Banned Material, In: URL: http://www.censuriana.de/01text03seim.htm.
[6] Akoto, P. (2000), Gefährliche Musik und wie wir in Deutschland damit umgehen, In: URL: http://www.censuriana.de/01themenSS200003musik.htm.
[7] Anmerkung: Es gibt inzwischen Meldungen, die besagen, dass die Band die beanstandeten Songs innerhalb der Bundesrepublik Deutschland doch wieder ins Programm aufgenommen
hat und auch live spielt.
[8] vgl. Akoto, P. (2000), Gefährliche Musik und wie wir in Deutschland damit umgehen, In: URL: http://www.censuriana.de/01themenSS200003musik.htm.
[9] Anmerkung: an Verkaufszahlen gemessen
[10] vgl. o. V. (2003), It’s Official Cannibal Corpse Are The Top-Selling Death Metal Band Of The SoundScan Era, In: URL: http://www.roadrun.com/blabbermouth.net/news.aspx?m ode=Article&newsitemID=16769.
[11] vgl. Becker, M. (2006), Die wollen nur spielen, In: URL: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,417360,00.html.

Moderne Beispiele von Tabubrüchen in der Musik

5 July 2009 | No Comments »

Ein grundlegendes Problem wird bei der Untersuchung zum Thema Musik deutlich: Es ist kaum möglich, ein so komplexes Gebilde wie es die heutige Popmusik darstellt, wissenschaftlich korrekt abzubilden. Denn inzwischen scheint Musik viel mehr als nur Unterhaltung zu sein. Sie übt auch gesellschaftlichen Einfluss aus und sorgt sogar für die Entstehung so genannter Subkulturen.[1]

Mit Hilfe von Musik kann die soziale Kompetenz verstärkt werden. Ein Rezipient fühlt sich in seiner Gruppe wohl. Durch den Erwerb bzw. Konsum von bestimmter Musik erfolgt Integration. Gruppenprozesse und das Gemeinschaftserleben kann gesteigert werden. Ebenso fördert ein gemeinsamer Musikgeschmack die Kommunikation. Psychisch wirkt die Musik unter anderem auf die Emotionen. Beim Hörer kann Wut, Verzweiflung, Trauer und vieles mehr hervorgerufen werden. Ebenso kann Musik beruhigen oder trösten. Besonders schnelle, harte Musik kann auch die physischen Abläufe im Körper beeinflussen: Atmung und Herzschlag beschleunigen oder auch zur Entspannung beitragen.[2]

Tabubrüche gibt es in der modernen Musikbranche schon seit einiger Zeit. Ist es Anfang des 20. Jahrhunderts noch Jazz und Swing, der für Aufsehen sorgt und vom Naziregime sogar als entartet bezeichnet wird[3], so ist es in den 60er Jahren die Beatmusik. „Die frühe britische Beatmusik hat (…) ein Stereotyp von Jugend produziert – die Songs der Beatles, der Who, der Rolling Stones oder der Kinks bis etwa 1966 liefern Musterbeispiele dafür.“[4] Die Beatmusik sorgte für kreischende Mädchenmassen und einen Aufschrei in der Elterngeneration. Musikalisch folgte wenig später die „Hippie-Musik“, die der Jugend einen Hauch von Freiheit suggerierte und mündete schließlich in Rock, Hard Rock und Heavy Metal. Beispiele für besonders provozierende Künstler waren beispielsweise Alice Cooper oder Marylin Manson. Die Tabubrüche im Bereich der Musik bieten „als Medium des Ausbruchs und der Provokation (…) der Adoleszenz die Möglichkeit sich vom Alltag und der Erwachsenenwelt abzugrenzen oder gar eine Gegenposition dazu einzunehmen.“[5]

Jedes Beispiel eines Tabubruchs in der Musikgeschichte aufzuzählen ist bei der Vielzahl der inzwischen begangenen Tabubrüche wohl kaum mehr möglich. Dennoch gibt es einige herausragende Beispiele, die sicherlich etwas genauerer Betrachtung bedürfen. In junger Vergangenheit sind „Die Ärzte“, die „Böhsen Onkelz“ oder die „Fantastischen Vier“ als Beispiele zu nennen. Sie alle haben Grenzen übertreten und allesamt Kontakt mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gehabt.[6] Sie alle waren bzw. sind überaus erfolgreich und haben inzwischen zahlreiche goldene Schallplatten erhalten. Für diesen Beitrag sollen „Die Ärzte“ stellvertretend etwas genauer betrachtet werden.

„Die Ärzte“ setzen ihre kindischen Attitüden als kunstvoll erfundene Provokation gegen die Anfang der Achtzigerjahre viel zu ernst gewordene altlinke Berliner Szene ein. Anfangs noch wollen die Hausbesetzer mit ihnen die Charts erobern, doch der Plan funktioniert nicht. Das Publikum wechselt: die Punks bleiben weg, dann die Hausbesetzer und später auch die Studenten. Wer bleibt, sind die Kids, die auch heute noch in Scharen zu Konzerten der Berliner Spaßmusiker pilgern.

Die Frage stellt sich, was die Berliner Band so einzigartig macht. Zum Einen passen sie in keine Schublade. Für die Metal-Szene sind sie musikalisch nicht anspruchsvoll genug, für die Yuppie-Szene zu schmuddelig, und in die Punkbewegung passen sie aufgrund ihrer Texte auch nicht mehr. Die deutsche Rockmusik befindet sich auf einem Tiefpunkt und die Jugendlichen dadurch in einer Krise. „Die Ärzte“ füllten in mit ihren punkigen Kinderliedern in dieser Zeit eine Lücke und haben Erfolg. Ihre Lieder bestechen durch klare, einfache Rhythmen, eine kleine Melodie, gekonnte Reime und eine kleine Geschichte.[7] Aber etwas ganz anderes scheint sie so besonders zu machen: „Die Ärzte erzählen genau die Geschichten, die sich Kids ins Ohr flüstern, wenn die Eltern nicht zuhören.“[8]

Doch mit zunehmendem Interesse der Öffentlichkeit beginnt auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die damals noch unter dem Namen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften firmiert, sich für die Berliner Band zu interessieren. Die Alben „Debil“, „Die Ärzte“ und „Ab 18“ landen auf dem Index, was der Popularität der Band jedoch nicht schadet. Der Fernsehauftritt bei „Live aus dem Alabama“ am 12. Oktober 1987, einen Tag nachdem der Politiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde, katapultiert sie auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen. Bevor sie das indizierte Lied „Geschwisterliebe“ als Instrumentalversion zum Besten geben, fordert die Band das Publikum mit folgenden Worten auf, diesen Song nicht mitzusingen: „Singt dieses Lied nicht, Uwe Barschel hat es gesungen und ihr wisst, was aus ihm geworden ist!“[9] Dennoch: Trotz des Erfolges löste sich die Band aufgrund der Probleme mit der Bundesprüfstelle noch im gleichen Jahr auf.[10]

Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009, S. 49ff.

Literaturhinweise
[1]Wicke, P. (o. J.), Populäre Musik als theoretisches Konzept, In: URL: http://www2.huberlin.de/fpm/popscript/themen/pst01/pst01010.htm [am 09.02.2007].
[2]vgl. Zeise, T. (2006), Worte und Vinyl, Dissertation, München, 2006, S. 32 f.
[3]vgl. Jockwer, A. (2004), Unterhaltungsmusik im Dritten Reich, Dissertation, Konstanz, 2004, S. 518 ff.
[4]Wicke, P. (o. J.), Populäre Musik als theoretisches Konzept, In: URL: http://www2.huberlin.de/fpm/popscript/themen/pst01/pst01010.htm [am 09.02.2007].
[5]Zeise, T. (2006), Worte und Vinyl, Dissertation, München, 2006, S. 34.
[6]vgl. Seim, R., Spiegel, J. (2001), Der kommentierte Bildband zu „Ab 18“ – zensiert, diskutiert, unterschlagen – Zensur in der deutschen Kulturgeschichte, 2001., S. 176 ff.
[7]vgl. Wagner, P. (1999), Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland, Hamburg, 1999., S. 179 f.[8]Wagner, P. (1999), Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland, Hamburg, 1999., S. 180.
[9]Roth, W.-D. (2003), Ein überdimensionales Fanbuch frisst die Ärzte auf, In: URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16383/1.html, Heise Zeitschriftenverlag (Hrsg.).
[10]Anmerkung: Die Band gibt es seit 1993 mit neuem Bassisten wieder. Allerdings hatten die
Ärzte seitdem keine Probleme mehr mit der BPjM.