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3_Tabubrüche in der Musikgeschichte

In der Musik gab es schon immer Tabubrüche: Waren es zu Anfang nur einfache Verstöße gegen vermeintlich gefestigte gesellschaftliche Regeln, so wurden einige Übertretungen, die in ihrer Zeit für Aufsehen und Aufschreie in der Bevölkerung sorgten, mit der Zeit doch salonfähig. Doch in der Musik findet sich in Bezug auf Tabubrüche ein Zwiespalt: Einerseits sind sie faszinierend, andererseits aber auch auf ihre Art gefährlich. Zumindest sehen das gewisse Gesellschaftsschichten so.[1]

Schon bei altehrwürdigen Komponisten kann man auf Werke stoßen, die nach heutiger (und wahrscheinlich auch nach damaliger) Deutung durchaus dem Tabubruch sehr nahe kommen. Wolfgang Amadeus Mozart hat mehrere Werke geschrieben, die den einen oder anderen in Staunen versetzen. So findet sich im Köchelverzeichnis unter dem Eintrag KV231 (in der sechsten Auflage des Köchelverzeichnisses unter Eintrag KV 382b) ein sechsstimmiger Kanon mit dem Titel „Leck mich im Arsch“. Da dieser Text selbst Mozarts Frau zu anzüglich erschien, wurde dieser vor Veröffentlichung durch den Verlag Breitkopf & Härtel in ein unverfänglicheres „Lasst uns froh sein“ geändert.[2] Auch weitere Werke mit ähnlichen Titeln oder anzüglichen Texten sind im Köchelverzeichnis zu finden. Als Beispiele können „Leck mir den Arsch recht fein“ (KV233) oder „Bona nox, bist a rechta Ox“ (KV561) genannt werden.[3] Letzteres ist einer der beliebtesten Mozartkanons und wird in heutiger Zeit meist durch einen jugendfreien Text ersetzt bzw. ergänzt.[4]

Der Anfang der „Popmusik“ wird ebenfalls bereits im 18. Jahrhundert beobachtet. Zwar kann man die damalige Musik der Bänkelsänger kaum mit der heutigen Populärmusik ergleichen, jedoch war diese Form der Musik damals durchaus populär. Für wenig Geld gab es neue Texte zu alten Melodien zu kaufen. Diese handelten bspw. in Amerika unter anderem vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, Depressionen, politischen Skandalen oder von den Indianermassakern.[5] Auch hier lassen sich bereits gewisse Tabubrüche beobachten. Die Aufdeckung von politischen Skandalen oder die Kommentierung der Indianermassaker wurde mit Sicherheit in einigen gesellschaftlichen Kreisen als nicht adäquat bezeichnet. Auch in Europa waren Bänkellieder und Moritaten (Anmerkung: Eine Moritat ist ein Lied der Bänkelsänger, die über ungewöhnliche und meist schaurige Begebenheiten berichten. Zusätzlich zum Gesang wurden die Geschichten meist mit Bildtafeln illustriert und der Text als „fliegendes Blatt“ verkauft.[6]) durchaus beliebt. Zusätzlich zu den meist grausamen Strophen enthalten sie meist eine an die Moral appellierende Strophe – die „Moral von der Geschicht“. Beispiele für diese Lieder sind bekannte Moritaten wie „Mariechen saß weinend im Garten“ oder „Sabinchen war ein Frauenzimmer“. Letzteres wird allerdings auch häufig als Parodie einer Moritat bezeichnet. „Persönlicher gehalten waren die secular sermons und sentimental ballads des 19. Jahrhunderts, die mehr und mehr zu neuen Melodien außer Themen wie Sklaverei und Alkoholismus auch Berichte über Katastrophen und ihre tragischen Folgen oder über Seelenqualen bestimmter Liebhaber anboten, überwiegend außerordentlich realistisch.“[7]

also known as the 'Butcher Cover'

Die Geschichte der „modernen“ Musikindustrie beginnt Mitte der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem Boom der Tonträgerindustrie. Durch die Erfindung der Schallplatte aus Vinyl von Dr. Peter Goldmark im Jahr 1948 wird die Spieldauer eines Tonträgers nahezu verzehnfacht.[8] Somit wird die Schallplatte bedienungsfreundlicher und löst die Notendruckereien als treibende Kraft der Musikindustrie ab. Seit der Einführung der Schallplatte als führenden Tonträger gibt es immer wieder Tabubrüche. Johnny Cash zum Beispiel nimmt sein Livealbum „At Folsom Prison“ in einem Gefängnis auf. Das Album „Live at St. Quentin“ folgte nur wenig später. Ein weiteres Beispiel für seine tabubrechenden Songs ist sicherlich auch das Album „Bitter tears: (Ballads of the American Indian)“, das wütend über Missstände der amerikanischen Gesellschaft im Umgang mit ihren Ureinwohnern aufdeckt und beschreibt. Auch Größen wie die Beatles spielten gerne mit Tabus, wie man am so genannten „Butcher Cover“, der Erstauflage des Albums „Yesterday And Today“ sehen kann. Heutzutage ist dieses Originalcover ein wertvoller Sammlergegenstand.[9]

Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009, S. 47f.

Literaturhinweise
[1]vgl. Shattuck, R. (1996), Forbidden Knowledge, New York, 1996, S. 30.
[2]vgl. o. V. (2005a), KV 231 (KV 382c) – „Leck mich im Arsch“, In: URL: http://www.swr.de/swr2/mozart/werke/-/id=782730/nid=782730/did=781524/hm8awe/index.html, Südwestrundfunk (Hrsg.).
[3]vgl. Fischer, F. (2006), Köchelverzeichnis, In: URL: http://www.frizzfischer.at/03-Vermischtes/03b‑Kommentare,%20Glossen%20&%20Features/Mozart/Sonstiges/Koechelverzeichnis(Word).doc.
[4]vgl. o. V. (2005b), KV 561 – „Bona nox, bist a rechta Ox“, In: URL: http://www.swr.de/swr2/mozart/werke/-/id=782760/nid=782760/did=782240/131vpv5/index.html, Südwestrundfunk (Hrsg.).
[5]vgl. Faulstich, W. (1978), Rock, Beat, Pop, Folk: Grundlagen der Textmusik‑Analyse, Tübingen, 1978, S. 22.
[6]vgl. o. V. (2007), Definition: Moritat – Meyers Lexikon online, In: URL: http://lexikon.meyers.de/meyers/Moritat, Meyers Lexikon (Hrsg.)
[7]Faulstich, W. (1978), Rock, Beat, Pop, Folk: Grundlagen der Textmusik‑Analyse, Tübingen, 1978, S. 22.
[8]vgl. Renner, T. (2004), Kinder der Tod ist gar nicht so schlimm!, Frankfurt, 2004, S. 29.
[9]vgl. Blecha, P. (2004), Taboo Tunes: A History of Banned Bands & Censored Songs, San Francisco, 2004, S. 9 f.

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