Nachdem bereis ihr jüngstes Video mit interessanter Optik, die teilweise an totalitäre Systeme erinnert und sich – ähnlich wie Repo! The Genetic Opera – einer Mischung aus Moderne mit Barock bedient (das Video nutzt außerdem typische “Tim Burton”-Elemente), für Aufsehen gesorgt hatte, plant Lady Gaga einen neuen Paukenschlag. Presseberichten zufolge soll sie bei ihrer Tour im kommenden Frühjahr plastinierte Leichen als Bühnendekoration nutzen wollen. Klingt makaber, ist es auch. Wie ernst dies gemeint ist, und was die Behörden dazu sagen, bleibt ab zu warten. Sicherlich wird sie aber erneut für einigen Gesprähsstoff sorgen.
Das neue Album der Skandalrocker Rammstein ist mit sofortiger Wirkung nicht mehr frei erhältlich. Nach der Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) darf das Album weder beworben werden, noch an Jugendliche unter 18 Jahren abgegeben werden. Die Indizierung erfolgte Auftrag von Bundesfamilienminister Ursula von der Leyer – in der Blogosphäre gerne auch Zensursula genannt. Die Band selbst zeigte sich der FAZ zufolge “bestürzt”. Christian Lorenz, Schlagzeuger der Band sagte der Zeitung, die Musik der Band richtig einzuordnen “sollte man eigentlich jedem Menschen mit einem Minimum an Verstand und Reflexionsvermögen zutrauen.”
Ob die Indizierung, die mit der Animation zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr und der Propaganda von Sado-Maso-Praktiken begründet wurde, nun dem Erfolg der Band schadet bleibt abzuwarten. Ich denke dennoch, dass sich die Indizierung letzten Endes positiv für die Band auswirken könnte. Ich frage mich allerdings, mit welcher Begründung das Rammstein-Album indiziert wurde, während Songs von Frauenarzt oder Sido (insbesondere der Arschficksong) nicht als jugendgefährdend eingestuft werden. Hier scheint meiner Meinung nach mit zweierlei Maß gemessen worden zu sein – vielleicht hatte auch die Antragstellerin einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entscheidung des Gremiums.
Vor kurzem befand sich der neue Rammstein-Song – wie bereits berichtet – auf Platz 1 der deutschen Singlecharts. Damit ist in diesem Fall der Trick einen gezielten Tabubruch zu provozieren, in dem man an anstößiges Video produziert, vollkommen aufgegangen. Gitarrist Richard Kruspe äußerte sich in einem Interview mit der Welt zum Erfolg der Single: “Jede andere Band hätte gesagt: Einen Porno können wir nicht drehen, das wird ja nie im Musikfernsehen gezeigt. Ich habe gehört, dass es so innerhalb von zwei Wochen über zwei Millionen Menschen gesehen haben. Es gibt also auch andere Wege, man muss sich nicht immer verbiegen.” Die Welt selbst schlußfolgert in einem zugehörigen Artikel: “Die Gruppe hecke unermüdlich widerwärtige Provokationen aus, um sich auf Kosten von Moral und Anstand zu bereichern. Da ist etwas dran.” Dennoch sieht die Welt der Effekt als verfehlt an, da die Boulevard-Journalisten eher empört berichtet hätten, statt das “sexy Video” zu feiern. Die Verkaufszahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Verstärkt wurde der verkaufsfördernde Effekt noch dadurch, dass man eines der Bandmitglieder mit einem Frauenkörper zeigte, wodurch nicht nur diskutiert wurde, ob man so ein Video überhaupt machen darf, sondern auch darüber, ob überhaupt wirklich die Bandmitglieder zu sehen sind oder diese gedoubled wurden.
Und selbst dabei gehen die Meinungen auseinander. Wie die Taz berichtet, sagte Gitarrist Paul Landers der FAZ, man habe in einem Berliner Bordell gedreht und die Bandmitglieder mussten nacheinander “ran”. Shortnews berichtet inzwischen, dass das Video zur neuen Rammstein Single Pussy, die vor wenigen Wochen erschienen ist – wie bereits vermutet – nur ein PR-Gag war. Dabei bezieht sich der Kurznachrichtendienst auf einen Blogeintrag bei zweinullig.de. Dort wird passend zusammengefasst: “Manchmal braucht es keine tolle Melodie oder keine sinnvolle Texte um mit einem Lied die Charts zu stürmen. Viel wichtiger ist heutzutage, dass man seinen Song richtig vermarktet und promotet.” Leider ohne weitere Quellenangaben. Treffender wird da die schweizerWebseite 20min.ch: Drummer Christoph Schneider, berichtete dem Dienst, dass die Band den Akt nur gespielt habe: “Wir lieben nun mal die Provokation. Ausserdem hatten wir keinen Sex. Wir haben nur so getan, als ob.”
Welcher der Musiker nun Recht behält bleibt offen, dass jedoch eines der Bandmitglieder in dem Video als Frau gezeigt wird, legt den Schluß einer Montage und gedoubleten Szenen durchaus nahe. Das zugehörige Album Liebe ist für alle da ist am vergangenen Freitag erschienen. In wenigen Tagen wissen wir, ob sich die Provokation/Promoaktion auch auf dessen Verkaufszahlen ausgewirkt hat.
Seit einigen Monaten spricht die Mainstream-Presse über eine neue Musikerin, die auch nicht mit Tabubrüchen geizt. Sei es zunächst einmal der Name – Lady Gaga. “Gaga” impliziert eine Art Zurückgebliebenheit, dieses “Wort” wird häufig im Zusammenhang mit Kindern verwendet und daher auch unmittelbar mit Babies und der Unfähigkeit zu Sprechen verbunden. Gleichzeitig gibt es in den Boulevardmedien eine Diskussion um das Geschlecht der Künstlerin – ist sie wirklich weiblich, oder vielleicht ein Zwitter oder sogar ein Mann? Eine klare Antwort auf diese Fragen gibt es nicht – eine Moderatorin von MTViva (Collien Fernandes) wurde jüngst sogar von einer Pressekonferenz ausgeschlossen, als sie diese Frage stellte. Zusätzlich sorgt Lady Gaga auch mit ihren gewagten und extravaganten Outfits für Schlagzeilen.
Zunächst betätigte sich Lady Gaga als Songwriterin (u.a. für die Pussycat Dolls), bevor sie im Jahr 2008 schließlich ein eigenes Album veröffentlichte. Ihre Single Pokerface aus dem Jahr 2008 hat sich weltweit mehr als 8 Millionen Mal verkauft und erhielt vier mal Platin und 8 mal Gold. In Deutschland erhielten sowohl die Single Pokerface, als auch das Album The Fame Gold. Musikalisch ist der Song dem Massengeschmack angepasst und nicht unbedingt anspruchsvoll, dafür aber – bedingt durch den Beat – einfach Tanzbar und daher in Clubs gut einsetzbar. Erinnert meiner Meinung nach stark an die Dancefloor-Geschichten aus den Neunzigern… nur irgendwie schlechter. Daher stellt sich die Frage: Hätte dieser Song ohne die zugehörige Publicity ebenso viel Erfolg gehabt? Oder haben die diversen Tabubrüchen ihren Teil dazu beigetragen?
Bei den jüngsten M-TV Video Music Awards wollte Lady Gaga sogar mit einem Löwen über den roten Teppich flanieren, um sämtlichen anderen Stars die Show zu stehlen. Das wurde ihr verboten, aber dennoch ließ es sich die Sängerin nicht nehmen aufzufallen und performte ihren neuen Song Paparazzi mit Kunstblut, das ihr aus dem Oberteil floß und sich über den gesamten Oberkörper ergoss – ein Auftritt den man sonst eher dem Metalgenre zuschreiben würde. Insgesamt ist das ganze aber wohl viel Lärm um nichts: Musikalisch bleibt nicht viel hängen. Die Künstlerin selbst hat auch nicht viel zu bieten – außer grellen Outfits und Skandalen. Aber die scheinen sich zumindest auszuzahlen.
Nach vier Jahren melden sich Rammstein wieder mit neuen Studioarbeiten zurück. Seit einigen Tagen sorgt die deutsche Hardrockcombo wieder für Schlagzeilen. Das Video zu ihrer gestern erschienenen Single Pussy ist in der letzten Minute ein 100-prozentiger Porno und daher auch erst ab 18 Jahren zugänglich. Zuvor ist das Video zwar anzüglich, aber so etwas kriegt man heutzutage auf MTViva ja auch schon im Nachmittagsprogramm geboten. Rammstein legen in der letzten Minute des Videos wirklich los und zeigen den Geschlechtsverkehr unzensiert. Damit sind sie allerdings auch nicht die ersten, die ein Porno(musik)video drehen – aber vielleicht mit die ersten, die ein solch großes Medienecho erreichen.
Der Titel ist provokant gewählt. Der Text ist ebenso provokant (“You’ve got a pussy, I have a dick, so what’s the problem? Let’s do it quick“), der Sound typischRammstein – der Text allerdings erstmals wieder in Englisch (und Deutsch) – und das Video dazu ebenso provokant und keinesfalls für das Programm von MTViva geeignet. Sollte die Single es allerdings auf die entsprechenden Chartplätze schaffen, so wird wohl damit zu rechnen sein, dass es entweder eine zensierte Version oder aber, wie bei Keine Amnestie für MTV von den Böhsen Onkelz, ein von den Sendern selbst erstelltes Video geben wird.
Inwieweit sich diese Provokation für Rammstein auszahlt bleibt abzuwarten. Vielleicht ist dies doch ein bisschen zuviel des Guten. Tape.tv fragt daher: “Wie weit muss oder darf Provokation eigentlich gehen? Bedeutet Kunst, dass man reflexartig mit jeder Konvention brechen muss? Und wenn ja, welche felder blieben Rammstein dann noch, um ihre Videos mit Leben zu füllen?” Rammstein sorgen für den typischen Tabubruch. Und Sebastian von Biotechpunk.de schreibt: “Auffallen, Provozieren, Diskussionen auslösen. Seien es Riefenstahlvideos oder eben nun ein kleiner Porno.” So sieht es aus, denn – und das muss man ihnen lassen – für Schlagzeilen haben sie gesorgt und damit eine erhöhte Aufmerksamkeit für das kommende Album namens Liebe ist für alle da, das am 16. Oktober erscheinen wird, generiert.
Seit gestern kursiert im Internet das Video zu ersten offiziellen Single aus Kitty Kats Debütalbum Miyo, das am 4. September erscheint. Der Song heißt “Braves Mädchen” und wird ab 21. August 2009 in den Läden stehen. Und der Song hat durchaus Hitpotential, denn die Texte bringen genau das zum Ausdruck, was in der Jugend sowieso gerne gelebt wird: Eigentlich bin ich ganz lieb, nur heute nicht.
“Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht. Ich rauche, ich saufe, ich sitz aufm Tisch mit deinem Typ. Ich bin in Partystimmung, geh mir aus dem Weg. Ich feier, ich pöbel, ich spring durch den Club und dreh ab. Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht.” – Zu diesen Lyrics kommt der ungewohnt poppige Sound, der sich mit Sicherheit auch gut im Club machen würde. Gut vorstellbar, wie dieser Song in den Discos der Nation auf dem Plattenteller rotiert und die jungen Mädels, die eben “nur heute Nacht” nicht brav sind, zum lautstarken Mitsingen animiert.
Der konkrete Tabubruch ist an diesem Song nur schemenhaft erkennbar, denn die beschriebene Situation ist schon lange Wirklichkeit in der deutschen Partyszene. Dass jetzt jemand auf den Punkt bringt, wie gefeiert wird – und das auch erstmals aus der weiblichen Perspektive (1. Person), ist sozusagen ein “Schweigen brechen” und damit interessant. Die Frage bleibt nur wie authentisch oder glaubwürdig die Textzeile “Ich bin ein braves Mädchen” von jemandem transportiert werden kann, der zuvor mit Gastauftritten im Sido-Song “Ficken” oder auch mit Texten wie “Ich bin ‘ne Frau, aber wäre ich’n Mann, würd’ ich dir jetzt sagen alta ‘lutsch mein’ Schwanz’!” von sich reden gemacht hat. Dass “brave Mädchen” will nicht wirklich glaubwürdig rüber kommen – die Verhaltensweise im Club dagegen umso mehr.
Nachdem Kitty Kat bereits mit mehreren Gastauftritten u.a. bei Sido von sich reden machte, kommt die Berlinerin – mit bürgerlichem Namen Katharina Löwel - in Kürze auch mit ihrem eigenen Soloalbum auf den Markt. Der deutsche Hip Hop wird wieder um einen Skandal reicher. Als erstes lässt sich das Stück “Bitchfresse” auf YouTube inklusive Video begutachten. Und ja, textlich macht Kitty Kat da weiter, wo sie bereits mit Sido angefangen hatte. Beim Thema Sex. Und sicherlich auch hier mit diskussionswürdigen Texten.
Musikalisch ist das Stück sicherlich nicht besonders anspruchsvoll… ein Beat, der auch nicht unbedingt ins Ohr, sondern eher gemütlich im Hintergrund vor sich hindudelt. Der Text hingegen hat es in sich und wäre vor gut 25 Jahren mit Sicherheit ein Fall für die Bundesprüfstelle gewesen. Heute ist alles etwas lockerer geworden, daher sicherlich auch hier kein Eingreifen zu erwarten. Dennoch, Kitty Kat spielt eindeutig mit dem Image sich als weibliche Rapperin in einem harten, männerdominierten Genre zu behaupten. Bei diesem Song ist mit King Kool Savas auch ein alter Bekannter mit im Boot. Es ist also alles im Paket, um mit geeigneter Promo direkt bei MTViva durchzustarten – bei Youtube wurde das Video am ersten Tag bereits 40.000 mal abgerufen[1].
Kitty Kat vermischt geschickt die beiden gängigen Hip Hop Klischees: Gangster und Sexismus. Ein kurzer Blick auf die Lyrics: “Dumme Schlampen wissen: Fick nicht mit Kat / Typen wollen ne Lady, doch ‘ne Bitch in ihrem Bett / Aha, ne Diva, die weiß wie man abzieht, weiß wie man abzieht – eiskalt / Ich weiß, du willst Sex. Ich weiß, du willst Kat oder Kopf – wie auch immer / Er kauft mir Dinner. Ich geh mit ihm aufs Zimmer / Ziel auf seinen Dick und sag ‘Gib mir meinen Shit’ / Du wirst gebumst, aber nur von meinen Jungs / wobei wir da schon sind, los auf mit deinem Mund / Ich bin ‘ne Frau, aber wäre ich’n Mann, würd’ ich dir jetzt sagen alta ‘lutsch mein’ Schwanz’!”
Dennoch vertritt Kat in einem Interview[2] die Meinung, dass das übertrieben sexistische Weltbild, das von vielen männlichen Hip Hoppern vertreten wird, nicht in Ordnung ist: “Es gibt da draußen viele kleine Mädels, die jemanden brauchen, bei dem sie sich etwas abgucken können. Es gab für eine sehr lange Zeit nur die ganzen Jungs mit den Weibern in ihren Videoclips, die mit ihren Ärschen wackeln. Leider nehmen das viele kleine Mädels an und denken, dass wäre ja alles so cool. Die rennen dann schon mit neun Jahren mit Tanga rum. Das ist traurig. Ich bin ganz klar dafür, dass die Mädels viel selbstbewusster auftreten und sich nicht alles bieten lassen. Ich bin keine Bitch nur weil ich eine Frau bin. Mit dem Vorbild sein ist das so eine Sache. Ich habe selbst auch viel Mist gebaut und kann ihnen nicht erzählen, was sie tun oder lassen sollen. Aber dennoch sollten sie selbstbewusst sein und sich nicht so leicht hergeben.” Klingt doch anders, als die Songtexte selbst.
Ungeachtet dessen bleibt es dabei: Mit den Texten und den bisherigen Gastauftritten von Kitty Kat, hat sich die Rapperin bereits einen Namen und einen Ruf innerhalb der Szene erarbeitet. Diesen gilt es jetzt zu bedienen. Wenn ab 28. August das komplette Album namens “Miyo!”
erscheint, wissen wir mit Sicherheit mehr – die Single “Braves Mädchen” kommt bereits am 21. August in die Läden. Die Entwicklung werden wir auf jeden Fall weiter verfolgen.
In Großbritannien schon ein Pop-Sternchen: Kim Petras. Geboren wurde die 16-Jährige als Tim Petras und lebt in Bonn. Sie ist damit die jüngste transsexuelle Künstlerin und die jüngste Deutsche, die mit einer Hormontherapie beginnen konnte[1]. Zwar ist Transsexualität in der heutigen Zeit nicht mehr so verpöhnt, wie noch vor fünfzig Jahren, dennoch ist der offene Umgang einer Künstlerin damit – insbesonder in jungen Jahren – bemerkenswert und nicht alltäglich. Auch heute gelten Transsexuelle häufig noch als Paradiesvögel. “Die Geilheit der Medien auf ‘anders sein’ ist einfach zu groß,” so bringt Sheila Wolf das Ganze passend auf den Punkt. Und aus genau diesem Grund – das Medien gerade das “Andersartige” so schätzen und portraitieren - würde ich die Geschichte von Kim Petras als Tabubruch werten. Allerdings muss man dabei festhalten, dass es sich dabei keinesfalls um einen beabsichtigten, auf PR abgezielten Tabubruch handelt – zumindest nicht vom Künstler aus.
Der Musikstil enthält nicht viel besonderes – moderner Pop. An einigen Stellen glattgebügelt und mit Effekten überladen, so dass die Sängerin prinzipiell beliebig austauschbar wäre. Kim hat allerdings ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Inzwischen ist sogar die Bild-Zeitung auf Kim aufmerksam geworden. Die Frage ist: Wäre sie das auch ohne die Hintergrundgeschichte? Wie sich ihre Karriere weiter entwickeln wird, lässt sich leider noch nicht sagen, sollte man aber sicher im Auge behalten. Ein Nachteil dieser Popularität stellt sich aber auch unmittelbar ein – gehässige Kommentare zu Kims Sexualität. Mit diesen wird sie fortan leben müssen. Es könnte durchaus sein, dass die Musik selbst, die – wie bereits beschrieben – nicht unbedingt als außergewöhnlich zu beschreiben ist, in den Hintergrund gedrängt wird, und Kim fortan nur über ihre Sexualität definiert wird.[2] Aber vielleicht ist auch gerade das die Strategie der Plattenfirma?
Das Stück 4’33″ – gesprochen “Four Minutes. Thirty-Three Seconds” – sorgte bereits bei seiner Uraufführung für aufsehen. “Am 29. August 1952 spielte der amerikanische Pianist David Tudor in New York die Uraufführung einer neuen Komposition. Er nahm am Flügel Platz, schloss den Klavierdeckel, harrte exakt 4 Minuten und 33 Sekunden an seinem Instrument aus und öffnete den Deckel wieder. Tudor spielte – nichts.”[1] Die Zuhörer reagierten daraufhin überrascht. Ein solches Musikstück hatte es bis dato nicht gegeben. Ein Stück, das zwar aus drei Sätzen besteht, die zwar in der Länge variiern, jedoch inhaltlich gleich sind und nur eine Anweisung enthalten: Tacet. Stille. “Bei der Premiere wussten einige Zuhörer nicht einmal, dass sie überhaupt etwas gehört hatten.”[2]
Damit stellte dieses Stück eine ganz besondere Form des Tabubruchs dar. Es solle sich um Musik handeln, jedoch verweilten die Musiker für 4’33 still, wodurch sich viele der Anwesenden um ihre Musik betrogen fühlten. “Cage sagte: »Die Leute begannen, mit einander zu tuscheln, einige begannen zu gehen. Sie lachten nicht – sie waren lediglich irritiert, als sie merkten, dass nichts passieren würde. Auch 30 Jahre danach haben sie es nicht vergessen: sie sind immer noch wütend.«”[3] Wenn man sich länger mit diesem Stück beschäftigt, so merkt man, dass es wohl garnicht die Absicht war die Menschen zu verärgern, sondern den Fokus auf etwas anderes zu legen. Cage hat kein stilles Stück, oder gar pure Stille geschaffen. Sobald ein Publikum vor Ort ist, wird es selbst zum Protagonisten des Stücks. Jeder des Geräusch, Husten, Niesen oder Lachen wird teil des Kunstwerks. Aus diesem Grund ist es auch unmöglich 4’33″ in derselben Form zweimal aufzuführen. “Although often described as a silent piece, 4’33″ isn’t silent at all. While the performer makes as little sound as possible, Cage breaks traditional boundaries by shifting attention from the stage to the audience and even beyond the concert hall. You soon become aware of a huge amount of sound, ranging from the mundane to the profound, from the expected to the surprising, from the intimate to the cosmic –shifting in seats, riffling programs to see what in the world is going on, breathing, the air conditioning, a creaking door, passing traffic, an airplane, ringing in your ears, a recaptured memory. This is a deeply personal music, which each witness creates to his/her own reactions to life. Concerts and records standardize our responses, but no two people will ever hear 4’33″ the same way. It’s the ultimate sing-along: the audience (and the world) becomes the performer”[4]
In der Folge lässt sich sicher darüber diskutiern, ob es sich bei 4’33″ denn überhaupt um Musik handelt, da die Musiker im eigentlichen Sinne selbst ja kein Instrument “spielen”. Dennoch befolgen die Musiker und der Dirigent eine Partitur und musikalische Anweisungen: Die Atmosphäre des Raumes mit ihren Menschen bildet das eigentliche Kunstwerk. Daher kann man, sofern man die Umgebungsgeräusche im entferntesten Sinne auch als Musik definieren möchte, auf jeden Fall Musik. Paul “Hughes denied the performance was a »mindless gimmick« and said Cage believed »music was all around us all the time« and the piece was his attempt to make the audience focus on sounds that were »part of our everyday lives.«”[5]
Cage selbst erklärte im Jahr 1990 die Komposition: “When I wrote 4’33″ I was in the process of writing the Music of changes. That was done in an elaborate way there are many tables for pitches, for durations, for amplitudes. All the work was done with chance operations in the case of 4’33″. I actually used the same method of working and I bult up the silence of each movement and the three movements add up to 4’33″. I built up each movement by means of short silences put together. It seems idiotic but that’s what I did. I didn’t have to bother with the pitch tables. All I had to do was work with the durations [...] I didn’t know I was writing 4’33″. I built it up very gradually and it came out to be 4’33″. I just might have made a mistake in addition.”[6]
Tudor, der Pianist, der 4’33″ uraufgeführt hatte, sprach nach Cages Tod mit Reinhard Oehlschlägel und erzählte dabei: “Ich habe dann noch weitere Detektivarbeit geleistet und entdeckt, dass er [Cage H.-F.B.] als Teil des kompositorischen Prozesses zu diesem Stück als erstes das I Ging nach der Beziehung zwischen geraden und ungeraden Zahlen befragt hat. Durch Münzwurf erhielt er die Antwort, dass ausschließlich gerade vorkommen sollten. Da der Kompositionsprozess der gleiche wie in Music of Changes war, bedeutete gerade Zahlen: keine Töne.”[7]
4’33″ stellt sicherlich einen wichtigen Meilenstein in der Musikgeschichte dar – gleichzeitig aber auch einen Tabubruch. Cage war der Erste, der es offen wagte gegen die ungeschrieben Gesetze – sofern man die Musiktheorie und Kompositionslehre nicht als Gesetz zugrunde legt – der Musik aufbegehrte. Damit ebnete er auch den Weg für weitere Musiker gängige Grenzen der gesellschaftlich akzeptierten Musik zu übertreten.
Die Musikrichtung Heavy Metal sorgt seit ihrem Bestehen für Aufsehen in der Gesellschaft. Waren es anfangs noch Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Alice Cooper, die für entsetzte Eltern sorgten, ist dieser Musikstil immer extremer geworden. Nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch, wenn man Auftreten, Image und Botschaften betrachtet. Besonders in der Musikrichtung Black Metal wird nicht mit antichristlichen Parolen oder Texten gegeizt. Der Teufel, der Tod, Blut, Helden, Schlachten, Dunkelheit und Okkultismus sind von Anfang an feste Bestandteile der gesamten Metal-Szene gewesen und sind es noch heute.
Nicht wenige Bands nutzen dies, spielen mit den Vorurteilen um ein Image aufzubauen oder Menschen zu erschrecken und Aufmerksamkeit zu erregen. Die englische Metalband Cradle Of Filth (zu Deutsch: „Wiege des Drecks“) ist spätestens seit der Veröffentlichung ihres Albums „Damnation And A Day“ bei dem Major‑Label SonyMusic nicht nur in der Metalszene besonders bekannt für provokante Liedtexte, CD‑Cover und Merchandise-Artikel. Besonders auffällig sind die extravaganten Motive der Band‑T‑Shirts, die als Merchandising in einer Vielzahl von Mailorderfirmen geführt und auch bei Konzerten verkauft werden. Schon mehrere Menschen sind zum Beispiel in England wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verhaftet und verurteilt worden, als sie ein T‑Shirt der Band getragen haben.[1] Meist provozieren die T-Shirts durch die aggressiven und bewusst provokant ausgelegten Sprüche, die als Rückenaufdruck aufgebracht werden. Meist sind diese Sprüche allgemein provokant gehalten, ebenso gibt es von Cradle Of Filth T-Shirts, die bewusst religiöse Symbole benutzen oder verunglimpfen. Doch bei Cradle Of Filth provozieren nicht nur die T-Shirts, auch CD-Cover, Liedtexte und Outfit der Band sind bewusst gewählt und stellen die Band nach außen hin extravagant und bedrohlich dar.
Gitarrist Paul Allender beschreibt es in einem Interview: „It just seems to go hand in hand. You can’t have the sort of music we play and talk about fucking love and peace and all that bollocks. That’s the sort of thing that interests people – like, the unknown sort of attracts people, and it seems to work when you put it into our style of music.”[2] Ebenso trägt der bedrohliche Gesang des Sängers Dani Filth, der zwischen hohem Kreischen und tiefem gegrunzten Gesang abwechselt, zu diesem bösen Image bei.
In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts sorgte eine weitere Metalband für gewaltige Medienaufmerksamkeit. Die amerikanische Death-Metal-Band Cannibal Corpse machte durch mehrere indizierte Alben und abgebrochene Tourneen auf sich aufmerksam. „They’re forbidden in Australia, banned in New Zealand, and forever exiled from the moral stalwart that is South Korea. The German government restricts what songs they can play within the nation’s borders.“[3] Sogar der Verkauf von Merchandiseartikeln, wie etwa T-Shirts, war in Australien oder Neuseeland temporär verboten.[4] Einerseits liegt dies bei Cannibal Corpse an den Texten der Songs und an den brutalen Coverdarstellungen. Die bereits 1991 wegen des Artworks indizierte CD „Butchered At Birth“ wurde 1994 zusätzlich bundesweit beschlagnahmt, was einem Totalverbot gleichkommt, denn mit der Beschlagnahme ist der Verkauf bzw. die Verbreitung auch volljährigen Personen untersagt.[5]
„[…] die auf dem Tonträger aufgezeichneten Liedertexte […] schildern eine Vielzahl grausamer und brutaler Tötungsszenen, durch die [versucht wird], die Anziehungskraft des Hörers auf Musik und Text zu gewinnen. […] Die einzelnem Liedertexte [enthalten] in grober und reißerischer Form die Wiedergabe des Geschlechtsverkehr[s] […] mit den währenddessen oder danach gefolterten, erschlagenen oder sonst grausam zu Tode gebrachten Opfern. [Die Texte] verharren in der schwelgerischen Darstellung von grausamen Folter- und Mordszenen“[6]
Bestimmte Lieder durften von der Band innerhalb der deutschen Grenzen zeitweise nicht gespielt werden[7], was zunächst von den Musikern nicht beachtet wurde. Nach Strafandrohungen und Auftrittsverboten wurden diese Songs nicht mehr im Live‑Programm bei Konzerten in Deutschland gespielt.[8] Cannibal Corpse haben es geschafft, zur erfolgreichsten[9] Death Metal Band in den USA zu werden.[10]
Ein weiteres Beispiel für einen Tabubruch könnten die Monsterrocker der finnischen Band Lordi sein: In furchterregenden Kostümen spielen sie eher gemäßigte Metal- bzw. Hard-Rock-Musik und gewannen damit im Jahr 2006 den Eurovision Songcontest.[11] Es zeigt sich also, dass in der Metalszene gerne mit Tabus und gesellschaftlichen Ängsten gespielt wird. Dabei kann festgehalten werden, dass Tabubrüche in der Heavy Metal Szene meistens religiös bzw. antichristlich oder aber gewaltorientiert sind.