Das Album “Liebe ist für alle da” der Skandalrocker von Rammstein ist wieder vom Index für jugendgefährdende Medien genommen worden. Wie die Welt in ihrer Onlineausgabe berichtet hat das Kölner Verwaltungsgericht Ende Mai 2010 die Entscheidung vom November vorherigen Jahres auf. Die Richter sagten “Das Lied enthält gerade keine detaillierte Darstellung von wirklichkeitsnahen Gewaltexzessen.” Stattdessen würde Gewalt nur angedeutet und surreal übersteigert werden, so die Begründung weiter.
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Interview mit Dr. Roland Seim
9 January 2010 | No Comments » | Andreas Meier
Dr. Roland Seim ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher (“Ab 18″, “Nur Für Erwachsene”, etc.) und Beiträge zum Thema Zensur in Deutschland.
Was ist für Sie ein Tabubruch bzw. wie würden Sie den Begriff „Tabubruch“ definieren?
Dr. Roland Seim: Es gibt in einer Gesellschaft vor allem drei Gründe, etwas nicht zu tun: Entweder es besteht ein gesetzliches, ein moralisches oder ein alltägliches Verbot. Allen dreien ist sowohl das Moment des Tabus als auch der Strafe immanent. Allerdings beinhaltet nicht jedes Verbot gleich auch ein Tabu.
Der ursprüngliche, polynesische Begriffsgehalt von Tabu als etwas “Unantastbares” besaß auch den Aspekt des Heiligen, das man nicht durch Berührung (oder Thematisierung) besudeln durfte. Freud fügte dieser Bedeutung die Sphäre des Unheimlichen, Verbotenen, Gefährlichen und Unreinen hinzu. Das begehrte Objekt ist zugleich das Verbotene. Ein Dilemma, aber auch ein Faszinosum.
Die alte Bedeutung wurde in der westlichen säkularen Welt durch konventionelle Normen, sittliche Schranken und moralische Werte ersetzt. Dabei sind Tabus geopolitisch und zeithistorisch extrem variabel, je nachdem, was die Mehrheit jeweils als Grenzen festlegt. Auch Verstöße werden unterschiedlich geahndet. Was dich früher oder in einem fundamentalistischen Gottesstaat den Kopf kosten kann, erntet heute bzw. in anderen Regionen nur ein müdes Lächeln. Tabubrüche in Diktaturen sind riskanter als in freiheitlichen Gesellschaftsformen. Insofern relativieren sich viele vermeintliche “Tabubrüche” in westlichen Staaten, da sie vergleichsweise risikoarm sind.
Im Begriff Tabuisierung schwingt seit Aufklärung und Moderne häufig eine negative Konnotation von Totschweigen mit. So gesehen wäre der Tabubruch eigentlich etwas Positives – die Durchbrechung von oktroyierten Kommunikationsbarrieren. Allerdings ist fraglich, ob eine völlig schranken- und hemmungslose Erweiterung der Grundprinzipien der Moderne – Freiheit, Autonomie und Emanzipation – wirklich so günstig für die Gesellschaft ist. Das Tabu wird selbst zum Tabu. Der zwanghafte Tabubruch um seiner selbst willen langweilt bald. Hedonismus kann schnell in Egoismus umschlagen. Vielleicht ist ein scheinbar so veralteter Begriff wie Scham doch der menschlichen Natur näher als der manische Exhibitionismus, den die Medien vorgaukeln, vor allem wenn es um das gütliche Miteinander geht. In größeren Gemeinschaften sind Respekt, Treue, Rücksichtnahme und Toleranz Werte, die den öffentlichen Frieden bewahren sollen.
Glauben Sie, dass Tabubrüche eher unabsichtlich oder eher absichtlich eingesetzt werden?
Dr. Roland Seim: In aller Regel geht es um die rare Währung Aufmerksamkeit. Tabubrecher erwarten eine reflexhafte Reaktion der Öffentlichkeit, einen Aufschrei der Entrüstung, Empörung. In einer freien Gesellschaft mit einem erweiterten Kunstbegriff werden Tabubrüche immer schwieriger. Inflationär eingesetzt funktionieren sie nicht mehr, da sich die zeitgemäßen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen der Leute daran gewöhnen, ja fast schon erwarten. Nicht die Spießigkeit, sondern ein libertärer Zeitgeist ist der eigentliche Gegner des funktionierenden Tabubruchs. Eingesetzt, um hip und in zu sein, verkommt er zum öden Mainstream, zwingt die Protagonisten zum rituellen Tabubruch, um nicht uncool zu erscheinen. Dann werden echte Tabubrüche als eye catcher immer schwieriger. Madonna z.B. versucht immer wieder, Blasphemie als Hingucker einzusetzen. Oder all die “bad language” und halbnackten Girls in den HipHop-Videos, die höchstens noch Jugendschützer schocken. Auch Gewaltdarstellung ist als Stilmittel in der Alltagskultur angekommen.
Von wem werden diese eingesetzt? Eher von Bands oder eher von den Labels?
Dr. Roland Seim: Schwer zu sagen, vermutlich von beiden Seiten, wenn der Erwartungsdruck der Fans entsprechend besteht. Sowohl den Künstlern als auch den Labels geht es um Image und Credibility ihrer “Marke”, ihres “Styles”. Es dürfte schon viel Selbstvertrauen und Unabhängigkeit dazu gehören, wenn bekannte Tabubrecher plötzlich etwas unerwartet völlig Harmloses machen wollten, z.B. wenn eine Death Metal-Band plötzlich barfüßig Friedenslieder singt, der Gangsta-Rapper mit dem Fahrrad fährt oder der coole Chick-Checker sich einen runterholt. Womöglich wären Verstöße gegen die rentablen Erwartungshaltungen der Zielgruppe die tatsächlichen Tabubrüche. Die größten Tabus in der schnell drehenden, auf Event, Action und Skandal abzielenden Unterhaltungsbranche dürften aber Langeweile, Verweigerung und Normalität sein. Aber wenn Einbußen zu befürchten sind, scheut das Business vor solchen Quotenkillern doch zurück.
Wo glauben Sie, werden Tabubrüche eingesetzt und warum?
(eher aus image- oder eher aus wirtschaftlichen Gründen?)
Dr. Roland Seim: Image und Rentabilität dürften da identisch sein. Juvenile, um nicht zu sagen pubertäre Grenzüberschreitungen gehören zum Big Business dazu wie Weihwasser in der Kirche. Nur wenige Künstler haben sich da derartige Freiräume schaffen können, dass sie weitgehend unabhängig davon sind. Vielleicht ist David Bowie ein gutes Beispiel, der sich chamäleonartig immer wieder neu erfindet und eingefahrene Klischees enttäuscht. Allerdings hatte auch das seine Grenzen, als er während seiner Berliner Zeit Ärger wegen seiner missverständlichen Äußerungen zu Hitler bekam.
Was wären gute Beispiele für Tabubrüche allgemein?
Dr. Roland Seim: Das wohl älteste und in praktisch allen Gesellschaftsformen bestehende Tabu ist das des Inzestes. Auch psychopathologische Aberrationen wie Kannibalismus und Nekrophilie dürften alte Tabus sein. Die wichtigsten heutigen Tabuthemen sind z.B. Kinderpornographie, die eigentlich überall (zurecht) geächtet ist, und – speziell in Deutschland – Antisemitismus. Arne Hoffmann nennt in seinem “Lexikon der Tabubrüche” folgende klassischen Tabusphären: Sexualität, Religion, Tod, Körper, Politik, Geld, Gefühle, Kontrollverlust und Versagen. In der alltäglichen Kommunikation sind einige Tabuthemen etwa Alterungserscheinungen, Arbeitslosigkeit, Fettleibigkeit, Gehaltsfragen, Haarausfall, Impotenz, Krankheiten, Mundgeruch, Selbstbefriedigung bzw. keinen Sex haben, Tod und Sterben. Diese peinlichen Themen anzusprechen mag zwar ein Tabubruch sein, dürfte aber nicht gerade die Beliebtheit steigern. Mitmenschen verletzende Tabubrüche können im privaten Bereich zu Ausgrenzung, Isolierung bis hin zum “sozialen Tod” führen. Gesellschaftsfähig sind durch die Comedy Witze über Frauen, Behinderte, Ausländer, Homosexuelle, Gläubige usw. geworden. Im musikalischen Unterhaltungsbereich sind die üblichen Verdächtigen in Sachen unerwünschtes Verhalten bzw. Tabubruch Sex, Gewalt, Faschismus, Blasphemie, Drogen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauendiskriminierung und Fäkalsprache. Aktuell ist das Thema Terrorismus durchaus ein Tabuthema in der Unterhaltungsmusik. Man macht keine kritischen Texte über 9/11. Political Correctness hingegen hat etwas an Strahlkraft eingebüßt, auch wenn die “Dixie Chicks” mit ihren Bush-Äußerungen das Thema noch einmal aufkochten. Nacktheit als Tabu ist in manchen Staaten noch akut, wie Janet Jacksons “Nipplegate” zeigte. Diskriminierende Sprache und Gewalt hingegen ist eher ein Tabu bei deutschen Texten.
Glauben Sie, dass ein Tabubruch Auswirkungen (positiv und negativ) auf die Verkäufe hat?
Dr. Roland Seim: Kommt drauf an, welches Land, welche Zeit, welches Genre und welche Zielgruppe man meint. Aufmerksamkeitssteigernde Geschmacklosigkeiten und Skandale können durchaus verkaufsfördernd wirken. Bekannte Schock-Rocker wie Alice Cooper oder Marilyn Manson wären ohne ihre Aura des Bösen sicher nicht so erfolgreich geworden. Strafrelevante Tabubrüche hingegen sind wegen der Zensurfolgen (Indizierung, Verbote, Gerichtsverfahren, Unterlassungsklagen, Schmerzensgeldzahlungen, Auftritts- und Sendeboykotte etc.) dem Erfolg letztlich eher abträglich. “Die Ärzte” profitierten letztlich von den Skandalen; der Osnabrücker Comedy-Band “Die Angefahrenen Schulkinder” kam der Prozess wegen ihres Songs “I wanna make love to Steffi Graf” teuer zu stehen. Insofern testen die Musiker bei dieser Gratwanderung, wie weit sie die gesellschaftlich gesteckten Grenzen schadlos übertreten können. Aktuelles Beispiel ist etwa Aggro Berlin. Die skandalträchtigen HipHopper wie Sido, Bushido und Fler erreichten durch gezielte Provokationen und Tabubrüche in kurzer Zeit große Aufmerksamkeit in den Medien und bei den größtenteils jugendlichen Fans. Nachdem die Bundesprüfstelle viele ihrer Platten auf den Index gesetzt hatte und einige Konzertveranstalter geplante Auftritte absagten, schlägt das Pendel offenbar in die andere Richtung. Die Proll-Sprüche und das Ghetto-Gehabe wirken nicht mehr wunschgemäß.
Was fasziniert die Käufer / Fans an Tabubrüchen?
Dr. Roland Seim: (Rock-)Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur. Die Adoleszenzphase ist geprägt durch ein Aufbegehren gegen die Eltern, die Schule, das Spießer-System, den Staat oder was auch immer. Es gilt, Grenzen auszutesten, Extreme zu suchen. Musik liefert dazu im Idealfall den passenden Soundtrack zum jeweiligen Lebensgefühl. Das kann dann – je nach Zeitgeist – Phänomene wie die Hippies, die Punks oder den HipHop hervorbringen. Psychedelische Drogen, freie Liebe und Funktionalitätsverweigerung auf der einen, aggressive, anarchistische Musik, Atonalität und Schockattitüden auf der anderen Seite, beim Rap die Coolness von Ghetto, Straße und Gefängnis. Wenn Sid Vicious von den “Sex Pistols” mit einem Hakenkreuz-Emblem auftritt, wenn Nina Hagen in einer Live-Talkshow Masturbationstechniken simuliert, oder Norbert Hähnel, “Der Wahre Heino”, die deutsche Nationalhymne furzt, dann hat das natürlich etwas von Tabubruch. Ob das verkaufsfördernd wirkt oder nicht hängt davon ab, inwieweit es den Nerv trifft und authentisch ist. Wenn die Fans das Gefühl haben, dass da jemand etwas Neues und Relevantes wagt und riskiert, dann goutieren sie das zumeist auch. Bei innovativen Tabubrüchen schwingt eine Bewunderung mit, wenn sich Musiker etwas trauen, was der “einfache” Fan so nicht machen würde. Allerdings kann das bei zu häufigem oder vorhersehbarem Gebrauch dann auch ins Gegenteil umschlagen.
Heißt „extremer“ auch gleich „besser“?
Dr. Roland Seim: Tabubrüche sind keine olympische Disziplin. Höher, schneller, weiter funktioniert da nicht unbegrenzt. Im Black-Metal-Bereich oder im Grind Core etwa sind Steigerungen nur noch schwerlich möglich. Irgendwann laufen sich die ewig gleichen Tabubrüche auch tot. Wie gesagt kann bei dieser Spirale ins immer Extremere schnell der gegenteilige Effekt eintreten. Entweder verändert sich die Gesellschaft so, dass Vieles, was früher shocking war, nicht mehr als solches empfunden wird (z.B. Serge Gainsbourghs “Je t’aime”), oder die Fans kaufen den Musikern ihre ewigen Tabubrüche nicht mehr als authentisch ab. Abstumpfung ist eine weitere mögliche Reaktion. Aber auch die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie nivelliert Tabubrüche, wie es z.B. bei der Punk-Mode zu sehen war. Und nicht zuletzt ziehen Gesetze den extremsten Ausprägungen Grenzen.
Sind Tabubrüche ihrer Meinung nach auf bestimmte Bereiche / Genres / Zeiten / Altersgruppen beschränkt?
Dr. Roland Seim: Die Jugend ist in aller Regel experimentierfreudiger als die etablierte Mittelschicht der Musikkonsumenten. Das macht sie ja in den Augen von Jugendschützern so gefährlich bzw. gefährdet. Insofern sind die Zielgruppen für musikalische Tabubrüche schon beschränkt, da sich die Hörgewohnheiten mit fortgeschrittenem Alter bei vielen Leuten ändern. Auf Konzerten beispielsweise von “Gwar”, “Rock Bitch” oder Marilyn Manson werden sich vorwiegend jüngere Zuschauer finden. Traditionell eher aufmüpfige Genres sind z.B. der Punk- und Independentbereich, alle Spielarten der Metal-Szene und die meisten Sparten des HipHop. Äußerst fragwürdige Tabubrüche finden sich im Rechtsrock, der häufig Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und NS-Ideologien propagiert. Auch bei tabubrechenden Computerspielen ist die Hauptklientel eher jung. In anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie allerdings sind Grenzüberschreitungen eher altersunabhängig, z.B. was die verschiedensten Spielarten devianter Sexualitätspraktiken oder filmischer Gewaltdarstellung betrifft.
Wie stark Jugendkulturen von Tabubrüchen affiziert werden, hängt von Zeitgeist und Wertwandel ab. In einem Klima allgemeinen gesellschaftlichen Umbruchs wie etwa in den 68ern werden schneller überkommene Wertvorstellungen und Verhaltensmuster auch in der Populärmusik in Frage gestellt als in unpolitischen Phasen, die dann eher Phänomene wie Techno und House-Musik hervorbringen.
Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009.
News: Rammstein – Liebe ist für alle da
8 November 2009 | No Comments » | Andreas MeierDas neue Album der Skandalrocker Rammstein ist mit sofortiger Wirkung nicht mehr frei erhältlich. Nach der Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) darf das Album weder beworben werden, noch an Jugendliche unter 18 Jahren abgegeben werden. Die Indizierung erfolgte Auftrag von Bundesfamilienminister Ursula von der Leyer – in der Blogosphäre gerne auch Zensursula genannt. Die Band selbst zeigte sich der FAZ zufolge “bestürzt”. Christian Lorenz, Schlagzeuger der Band sagte der Zeitung, die Musik der Band richtig einzuordnen “sollte man eigentlich jedem Menschen mit einem Minimum an Verstand und Reflexionsvermögen zutrauen.”
Ob die Indizierung, die mit der Animation zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr und der Propaganda von Sado-Maso-Praktiken begründet wurde, nun dem Erfolg der Band schadet bleibt abzuwarten. Ich denke dennoch, dass sich die Indizierung letzten Endes positiv für die Band auswirken könnte. Ich frage mich allerdings, mit welcher Begründung das Rammstein-Album indiziert wurde, während Songs von Frauenarzt oder Sido (insbesondere der Arschficksong) nicht als jugendgefährdend eingestuft werden. Hier scheint meiner Meinung nach mit zweierlei Maß gemessen worden zu sein – vielleicht hatte auch die Antragstellerin einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entscheidung des Gremiums.
Nun ist es offiziell: Pussy-Video nur PR-Gag
19 October 2009 | No Comments » | Andreas MeierVor kurzem befand sich der neue Rammstein-Song – wie bereits berichtet – auf Platz 1 der deutschen Singlecharts. Damit ist in diesem Fall der Trick einen gezielten Tabubruch zu provozieren, in dem man an anstößiges Video produziert, vollkommen aufgegangen. Gitarrist Richard Kruspe äußerte sich in einem Interview mit der Welt zum Erfolg der Single: “Jede andere Band hätte gesagt: Einen Porno können wir nicht drehen, das wird ja nie im Musikfernsehen gezeigt. Ich habe gehört, dass es so innerhalb von zwei Wochen über zwei Millionen Menschen gesehen haben. Es gibt also auch andere Wege, man muss sich nicht immer verbiegen.” Die Welt selbst schlußfolgert in einem zugehörigen Artikel: “Die Gruppe hecke unermüdlich widerwärtige Provokationen aus, um sich auf Kosten von Moral und Anstand zu bereichern. Da ist etwas dran.” Dennoch sieht die Welt der Effekt als verfehlt an, da die Boulevard-Journalisten eher empört berichtet hätten, statt das “sexy Video” zu feiern. Die Verkaufszahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Verstärkt wurde der verkaufsfördernde Effekt noch dadurch, dass man eines der Bandmitglieder mit einem Frauenkörper zeigte, wodurch nicht nur diskutiert wurde, ob man so ein Video überhaupt machen darf, sondern auch darüber, ob überhaupt wirklich die Bandmitglieder zu sehen sind oder diese gedoubled wurden.
Und selbst dabei gehen die Meinungen auseinander. Wie die Taz berichtet, sagte Gitarrist Paul Landers der FAZ, man habe in einem Berliner Bordell gedreht und die Bandmitglieder mussten nacheinander “ran”. Shortnews berichtet inzwischen, dass das Video zur neuen Rammstein Single Pussy, die vor wenigen Wochen erschienen ist – wie bereits vermutet – nur ein PR-Gag war. Dabei bezieht sich der Kurznachrichtendienst auf einen Blogeintrag bei zweinullig.de. Dort wird passend zusammengefasst: “Manchmal braucht es keine tolle Melodie oder keine sinnvolle Texte um mit einem Lied die Charts zu stürmen. Viel wichtiger ist heutzutage, dass man seinen Song richtig vermarktet und promotet.” Leider ohne weitere Quellenangaben. Treffender wird da die schweizerWebseite 20min.ch: Drummer Christoph Schneider, berichtete dem Dienst, dass die Band den Akt nur gespielt habe: “Wir lieben nun mal die Provokation. Ausserdem hatten wir keinen Sex. Wir haben nur so getan, als ob.”
Welcher der Musiker nun Recht behält bleibt offen, dass jedoch eines der Bandmitglieder in dem Video als Frau gezeigt wird, legt den Schluß einer Montage und gedoubleten Szenen durchaus nahe. Das zugehörige Album Liebe ist für alle da ist am vergangenen Freitag erschienen. In wenigen Tagen wissen wir, ob sich die Provokation/Promoaktion auch auf dessen Verkaufszahlen ausgewirkt hat.
Rammsteinvideo zensiert? – Provokation wirkt!
29 September 2009 | 1 Comment » | Andreas MeierWer derzeit auf der Suche nach dem aktuellen Rammsteinvideo Pussy ist, wird teilweise enttäuscht. Derzeit ist das Video nicht nur aus dem deutschsprachigen Netz verschwunden, ist über den bekannten “offiziellen” Link bei X-Visit nicht mehr erreichbar, sondern laut shortnews auch von ausländischen Servern verschwunden. Stattdessen erhält der Nutzer folgende Meldung:
Diese Seite ist vorübergehend aus rechtlichen Gründen aus Deinem Land nicht mehr abrufbar. Das Rammstein-Video “Pussy” werden wir voraussichtlich ab Mittwochvormittag wieder zeigen können…
Über die Hintergründe dazu ist auf der Seite nichts weiteres zu finden. Es wird jedoch spekuliert, dass es sich um einen Fall von Zensur und “Netzsperren in Aktion” handelt. Ein wirksamer Jugendschutz könnte nämlich bei Visit-X durch verschiedene Altersverifizierungssysteme sichergestellt werden.
Gleichzeitig erreicht uns die Nachricht, dass die Provokation von Rammstein offenbar wirkt. Die neue Single steigt von Platz 0 auf 1 in die deutschen Singlecharts ein. Damit ist Pussy, die erste Rammstein-Single überhaupt, die bis an die Spitze der Charts klettern konnte – und dazu gleich von 0 auf 1 eingestiegen ist.
Und Rammstein sind mit ihrer Provokation noch lange nicht am Ende. Das langerwartete Album Liebe ist für alle da, wird es aller Voraussicht nach auch in einer besonderen Deluxeedition mit sechs Dildos, Gleitgel, und Handschellen geben. Das ganze zum Preis von ca. 180 Euro.
Rammstein – Pussy
19 September 2009 | 3 Comments » | Andreas MeierNach vier Jahren melden sich Rammstein wieder mit neuen Studioarbeiten zurück. Seit einigen Tagen sorgt die deutsche Hardrockcombo wieder für Schlagzeilen. Das Video zu ihrer gestern erschienenen Single Pussy ist in der letzten Minute ein 100-prozentiger Porno und daher auch erst ab 18 Jahren zugänglich. Zuvor ist das Video zwar anzüglich, aber so etwas kriegt man heutzutage auf MTViva ja auch schon im Nachmittagsprogramm geboten. Rammstein legen in der letzten Minute des Videos wirklich los und zeigen den Geschlechtsverkehr unzensiert. Damit sind sie allerdings auch nicht die ersten, die ein Porno(musik)video drehen – aber vielleicht mit die ersten, die ein solch großes Medienecho erreichen.
Der Titel ist provokant gewählt. Der Text ist ebenso provokant (“You’ve got a pussy, I have a dick, so what’s the problem? Let’s do it quick“), der Sound typisch Rammstein – der Text allerdings erstmals wieder in Englisch (und Deutsch) – und das Video dazu ebenso provokant und keinesfalls für das Programm von MTViva geeignet. Sollte die Single es allerdings auf die entsprechenden Chartplätze schaffen, so wird wohl damit zu rechnen sein, dass es entweder eine zensierte Version oder aber, wie bei Keine Amnestie für MTV von den Böhsen Onkelz, ein von den Sendern selbst erstelltes Video geben wird.
Inwieweit sich diese Provokation für Rammstein auszahlt bleibt abzuwarten. Vielleicht ist dies doch ein bisschen zuviel des Guten. Tape.tv fragt daher: “Wie weit muss oder darf Provokation eigentlich gehen? Bedeutet Kunst, dass man reflexartig mit jeder Konvention brechen muss? Und wenn ja, welche felder blieben Rammstein dann noch, um ihre Videos mit Leben zu füllen?” Rammstein sorgen für den typischen Tabubruch. Und Sebastian von Biotechpunk.de schreibt: “Auffallen, Provozieren, Diskussionen auslösen. Seien es Riefenstahlvideos oder eben nun ein kleiner Porno.” So sieht es aus, denn – und das muss man ihnen lassen – für Schlagzeilen haben sie gesorgt und damit eine erhöhte Aufmerksamkeit für das kommende Album namens Liebe ist für alle da, das am 16. Oktober erscheinen wird, generiert.
Tabubrüche im Heavy Metal
6 July 2009 | No Comments » | Andreas MeierDie Musikrichtung Heavy Metal sorgt seit ihrem Bestehen für Aufsehen in der Gesellschaft. Waren es anfangs noch Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Alice Cooper, die für entsetzte Eltern sorgten, ist dieser Musikstil immer extremer geworden. Nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch, wenn man Auftreten, Image und Botschaften betrachtet. Besonders in der Musikrichtung Black Metal wird nicht mit antichristlichen Parolen oder Texten gegeizt. Der Teufel, der Tod, Blut, Helden, Schlachten, Dunkelheit und Okkultismus sind von Anfang an feste Bestandteile der gesamten Metal-Szene gewesen und sind es noch heute.
Nicht wenige Bands nutzen dies, spielen mit den Vorurteilen um ein Image aufzubauen oder Menschen zu erschrecken und Aufmerksamkeit zu erregen. Die englische Metalband Cradle Of Filth (zu Deutsch: „Wiege des Drecks“) ist spätestens seit der Veröffentlichung ihres Albums „Damnation And A Day“ bei dem Major‑Label SonyMusic nicht nur in der Metalszene besonders bekannt für provokante Liedtexte, CD‑Cover und Merchandise-Artikel. Besonders auffällig sind die extravaganten Motive der Band‑T‑Shirts, die als Merchandising in einer Vielzahl von Mailorderfirmen geführt und auch bei Konzerten verkauft werden. Schon mehrere Menschen sind zum Beispiel in England wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verhaftet und verurteilt worden, als sie ein T‑Shirt der Band getragen haben.[1] Meist provozieren die T-Shirts durch die aggressiven und bewusst provokant ausgelegten Sprüche, die als Rückenaufdruck aufgebracht werden. Meist sind diese Sprüche allgemein provokant gehalten, ebenso gibt es von Cradle Of Filth T-Shirts, die bewusst religiöse Symbole benutzen oder verunglimpfen. Doch bei Cradle Of Filth provozieren nicht nur die T-Shirts, auch CD-Cover, Liedtexte und Outfit der Band sind bewusst gewählt und stellen die Band nach außen hin extravagant und bedrohlich dar.
Gitarrist Paul Allender beschreibt es in einem Interview:
„It just seems to go hand in hand. You can’t have the sort of music we play and talk about fucking love and peace and all that bollocks. That’s the sort of thing that interests people – like, the unknown sort of attracts people, and it seems to work when you put it into our style of music.”[2] Ebenso trägt der bedrohliche Gesang des Sängers Dani Filth, der zwischen hohem Kreischen und tiefem gegrunzten Gesang abwechselt, zu diesem bösen Image bei.
In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts sorgte eine weitere Metalband für gewaltige Medienaufmerksamkeit. Die amerikanische Death-Metal-Band Cannibal Corpse machte durch mehrere indizierte Alben und abgebrochene Tourneen auf sich aufmerksam. „They’re forbidden in Australia, banned in New Zealand, and forever exiled from the moral stalwart that is South Korea. The German government restricts what songs they can play within the nation’s borders.“[3] Sogar der Verkauf von Merchandiseartikeln, wie etwa T-Shirts, war in Australien oder Neuseeland temporär verboten.[4] Einerseits liegt dies bei Cannibal Corpse an den Texten der Songs und an den brutalen Coverdarstellungen. Die bereits 1991 wegen des Artworks indizierte CD „Butchered At Birth“ wurde 1994 zusätzlich bundesweit beschlagnahmt, was einem Totalverbot gleichkommt, denn mit der Beschlagnahme ist der Verkauf bzw. die Verbreitung auch volljährigen Personen untersagt.[5]
„[…] die auf dem Tonträger aufgezeichneten Liedertexte […] schildern eine Vielzahl grausamer und brutaler Tötungsszenen, durch die [versucht wird], die Anziehungskraft des Hörers auf Musik und Text zu gewinnen. […] Die einzelnem Liedertexte [enthalten] in grober und reißerischer Form die Wiedergabe des Geschlechtsverkehr[s] […] mit den währenddessen oder danach gefolterten, erschlagenen oder sonst grausam zu Tode gebrachten Opfern. [Die Texte] verharren in der schwelgerischen Darstellung von grausamen Folter- und Mordszenen“[6]
Bestimmte Lieder durften von der Band innerhalb der deutschen Grenzen zeitweise nicht gespielt werden[7], was zunächst von den Musikern nicht beachtet wurde. Nach Strafandrohungen und Auftrittsverboten wurden diese Songs nicht mehr im Live‑Programm bei Konzerten in Deutschland gespielt.[8] Cannibal Corpse haben es geschafft, zur erfolgreichsten[9] Death Metal Band in den USA zu werden.[10]
Ein weiteres Beispiel für einen Tabubruch könnten die Monsterrocker der finnischen Band Lordi sein: In furchterregenden Kostümen spielen sie eher gemäßigte Metal- bzw. Hard-Rock-Musik und gewannen damit im Jahr 2006 den Eurovision Songcontest.[11] Es zeigt sich also, dass in der Metalszene gerne mit Tabus und gesellschaftlichen Ängsten gespielt wird. Dabei kann festgehalten werden, dass Tabubrüche in der Heavy Metal Szene meistens religiös bzw. antichristlich oder aber gewaltorientiert sind.
Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009, S. 51ff.
Literaturhinweise
[1] o. V. (2005c), 35-Year-Old Cradle Of Filth Fan Cries In Court, Is Told To ‚Grow Up’, In: URL:
http://www.roadrun.com/blabbermouth.net/news/news.aspx?mode=Article&newsitemID=34036, Blabbermouth.net (Hrsg.).
[2] Duperron, P. (2004), Cradle Will Rock, In: URL: http://www.vueweekly.com/articles/default.aspx?i=1063.
[3] Driver, M. (2000), Cannibal Corpse, In: URL: http://www.seattleweekly.com/music/0007/music-driver.php.
[4] o. V. (2006), Cannibal Corpse, In: URL: http://www.rockalarm.de/rockalarm2006/pages/site.php?page=bandinfo&id=184.
[5] vgl. Seim, R. (o. J.), Fascinating Censorship: Mundane Behavior in the Treatment of Banned Material, In: URL: http://www.censuriana.de/01text03seim.htm.
[6] Akoto, P. (2000), Gefährliche Musik und wie wir in Deutschland damit umgehen, In: URL: http://www.censuriana.de/01themenSS200003musik.htm.
[7] Anmerkung: Es gibt inzwischen Meldungen, die besagen, dass die Band die beanstandeten Songs innerhalb der Bundesrepublik Deutschland doch wieder ins Programm aufgenommen
hat und auch live spielt.
[8] vgl. Akoto, P. (2000), Gefährliche Musik und wie wir in Deutschland damit umgehen, In: URL: http://www.censuriana.de/01themenSS200003musik.htm.
[9] Anmerkung: an Verkaufszahlen gemessen
[10] vgl. o. V. (2003), It’s Official Cannibal Corpse Are The Top-Selling Death Metal Band Of The SoundScan Era, In: URL: http://www.roadrun.com/blabbermouth.net/news.aspx?m ode=Article&newsitemID=16769.
[11] vgl. Becker, M. (2006), Die wollen nur spielen, In: URL: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,417360,00.html.
