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Interview mit Dr. Roland Seim

9 January 2010 | No Comments » | Andreas Meier

Dr. Roland Seim ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher (“Ab 18″, “Nur Für Erwachsene”, etc.) und Beiträge zum Thema Zensur in Deutschland.

Was ist für Sie ein Tabubruch bzw. wie würden Sie den Begriff „Tabubruch“ definieren?

Dr. Roland Seim: Es gibt in einer Gesellschaft vor allem drei Gründe, etwas nicht zu tun: Entweder es besteht ein gesetzliches, ein moralisches oder ein alltägliches Verbot. Allen dreien ist sowohl das Moment des Tabus als auch der Strafe immanent. Allerdings beinhaltet nicht jedes Verbot gleich auch ein Tabu.

Der ursprüngliche, polynesische Begriffsgehalt von Tabu als etwas “Unantastbares” besaß auch den Aspekt des Heiligen, das man nicht durch Berührung (oder Thematisierung) besudeln durfte. Freud fügte dieser Bedeutung die Sphäre des Unheimlichen, Verbotenen, Gefährlichen und Unreinen hinzu. Das begehrte Objekt ist zugleich das Verbotene. Ein Dilemma, aber auch ein Faszinosum.

Die alte Bedeutung wurde in der westlichen säkularen Welt durch konventionelle Normen, sittliche Schranken und moralische Werte ersetzt. Dabei sind Tabus geopolitisch und zeithistorisch extrem variabel, je nachdem, was die Mehrheit jeweils als Grenzen festlegt. Auch Verstöße werden unterschiedlich geahndet. Was dich früher oder in einem fundamentalistischen Gottesstaat den Kopf kosten kann, erntet heute bzw. in anderen Regionen nur ein müdes Lächeln. Tabubrüche in Diktaturen sind riskanter als in freiheitlichen Gesellschaftsformen. Insofern relativieren sich viele vermeintliche “Tabubrüche” in westlichen Staaten, da sie vergleichsweise risikoarm sind.

Im Begriff Tabuisierung schwingt seit Aufklärung und Moderne häufig eine negative Konnotation von Totschweigen mit. So gesehen wäre der Tabubruch eigentlich etwas Positives – die Durchbrechung von oktroyierten Kommunikationsbarrieren. Allerdings ist fraglich, ob eine völlig schranken- und hemmungslose Erweiterung der Grundprinzipien der Moderne – Freiheit, Autonomie und Emanzipation – wirklich so günstig für die Gesellschaft ist. Das Tabu wird selbst zum Tabu. Der zwanghafte Tabubruch um seiner selbst willen langweilt bald. Hedonismus kann schnell in Egoismus umschlagen. Vielleicht ist ein scheinbar so veralteter Begriff wie Scham doch der menschlichen Natur näher als der manische Exhibitionismus, den die Medien vorgaukeln, vor allem wenn es um das gütliche Miteinander geht. In größeren Gemeinschaften sind Respekt, Treue, Rücksichtnahme und Toleranz Werte, die den öffentlichen Frieden bewahren sollen.

Glauben Sie, dass Tabubrüche eher unabsichtlich oder eher absichtlich eingesetzt werden?

Dr. Roland Seim: In aller Regel geht es um die rare Währung Aufmerksamkeit. Tabubrecher erwarten eine reflexhafte Reaktion der Öffentlichkeit, einen Aufschrei der Entrüstung, Empörung. In einer freien Gesellschaft mit einem erweiterten Kunstbegriff werden Tabubrüche immer schwieriger. Inflationär eingesetzt funktionieren sie nicht mehr, da sich die zeitgemäßen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen der Leute daran gewöhnen, ja fast schon erwarten. Nicht die Spießigkeit, sondern ein libertärer Zeitgeist ist der eigentliche Gegner des funktionierenden Tabubruchs. Eingesetzt, um hip und in zu sein, verkommt er zum öden Mainstream, zwingt die Protagonisten zum rituellen Tabubruch, um nicht uncool zu erscheinen. Dann werden echte Tabubrüche als eye catcher immer schwieriger. Madonna z.B. versucht immer wieder, Blasphemie als Hingucker einzusetzen. Oder all die “bad language” und halbnackten Girls in den HipHop-Videos, die höchstens noch Jugendschützer schocken. Auch Gewaltdarstellung ist als Stilmittel in der Alltagskultur angekommen.

Von wem werden diese eingesetzt? Eher von Bands oder eher von den Labels?

Dr. Roland Seim: Schwer zu sagen, vermutlich von beiden Seiten, wenn der Erwartungsdruck der Fans entsprechend besteht. Sowohl den Künstlern als auch den Labels geht es um Image und Credibility ihrer “Marke”, ihres “Styles”. Es dürfte schon viel Selbstvertrauen und Unabhängigkeit dazu gehören, wenn bekannte Tabubrecher plötzlich etwas unerwartet völlig Harmloses machen wollten, z.B. wenn eine Death Metal-Band plötzlich barfüßig Friedenslieder singt, der Gangsta-Rapper mit dem Fahrrad fährt oder der coole Chick-Checker sich einen runterholt. Womöglich wären Verstöße gegen die rentablen Erwartungshaltungen der Zielgruppe die tatsächlichen Tabubrüche. Die größten Tabus in der schnell drehenden, auf Event, Action und Skandal abzielenden Unterhaltungsbranche dürften aber Langeweile, Verweigerung und Normalität sein. Aber wenn Einbußen zu befürchten sind, scheut das Business vor solchen Quotenkillern doch zurück.

Wo glauben Sie, werden Tabubrüche eingesetzt und warum?
(eher aus image- oder eher aus wirtschaftlichen Gründen?)

Dr. Roland Seim: Image und Rentabilität dürften da identisch sein.  Juvenile, um nicht zu sagen pubertäre Grenzüberschreitungen gehören zum Big Business dazu wie Weihwasser in der Kirche. Nur wenige Künstler haben sich da derartige Freiräume schaffen können, dass sie weitgehend unabhängig davon sind. Vielleicht ist David Bowie ein gutes Beispiel, der sich chamäleonartig immer wieder neu erfindet und eingefahrene Klischees enttäuscht. Allerdings hatte auch das seine Grenzen, als er während seiner Berliner Zeit Ärger wegen seiner missverständlichen Äußerungen zu Hitler bekam.

Was wären gute Beispiele für Tabubrüche allgemein?

Dr. Roland Seim: Das wohl älteste und in praktisch allen Gesellschaftsformen bestehende Tabu ist das des Inzestes. Auch psychopathologische Aberrationen wie Kannibalismus und Nekrophilie dürften alte Tabus sein. Die wichtigsten heutigen Tabuthemen sind z.B. Kinderpornographie, die eigentlich überall (zurecht) geächtet ist, und – speziell in Deutschland – Antisemitismus. Arne Hoffmann nennt in seinem “Lexikon der Tabubrüche” folgende klassischen Tabusphären: Sexualität, Religion, Tod, Körper, Politik, Geld, Gefühle, Kontrollverlust und Versagen. In der alltäglichen Kommunikation sind einige Tabuthemen etwa Alterungserscheinungen, Arbeitslosigkeit, Fettleibigkeit, Gehaltsfragen, Haarausfall, Impotenz, Krankheiten, Mundgeruch, Selbstbefriedigung bzw. keinen Sex haben, Tod und Sterben. Diese peinlichen Themen anzusprechen mag zwar ein Tabubruch sein, dürfte aber nicht gerade die Beliebtheit steigern. Mitmenschen verletzende Tabubrüche können im privaten Bereich zu Ausgrenzung, Isolierung bis hin zum “sozialen Tod” führen. Gesellschaftsfähig sind durch die Comedy Witze über Frauen, Behinderte, Ausländer, Homosexuelle, Gläubige usw. geworden. Im musikalischen Unterhaltungsbereich sind die üblichen Verdächtigen in Sachen unerwünschtes Verhalten bzw. Tabubruch Sex, Gewalt, Faschismus, Blasphemie, Drogen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauendiskriminierung und Fäkalsprache. Aktuell ist das Thema Terrorismus durchaus ein Tabuthema in der Unterhaltungsmusik. Man macht keine kritischen Texte über 9/11. Political Correctness hingegen hat etwas an Strahlkraft eingebüßt, auch wenn die “Dixie Chicks” mit ihren Bush-Äußerungen das Thema noch einmal aufkochten. Nacktheit als Tabu ist in manchen Staaten noch akut, wie Janet Jacksons “Nipplegate” zeigte. Diskriminierende Sprache und Gewalt hingegen ist eher ein Tabu bei deutschen Texten.

Glauben Sie, dass ein Tabubruch Auswirkungen (positiv und negativ) auf die Verkäufe hat?

Dr. Roland Seim: Kommt drauf an, welches Land, welche Zeit, welches Genre und welche Zielgruppe man meint. Aufmerksamkeitssteigernde Geschmacklosigkeiten und Skandale können durchaus verkaufsfördernd wirken. Bekannte Schock-Rocker wie Alice Cooper oder Marilyn Manson wären ohne ihre Aura des Bösen sicher nicht so erfolgreich geworden. Strafrelevante Tabubrüche hingegen sind wegen der Zensurfolgen (Indizierung, Verbote, Gerichtsverfahren, Unterlassungsklagen, Schmerzensgeldzahlungen, Auftritts- und Sendeboykotte etc.) dem Erfolg letztlich eher abträglich. “Die Ärzte” profitierten letztlich von den Skandalen; der Osnabrücker Comedy-Band “Die Angefahrenen Schulkinder” kam der Prozess wegen ihres Songs “I wanna make love to Steffi Graf” teuer zu stehen. Insofern testen die Musiker bei dieser Gratwanderung, wie weit sie die gesellschaftlich gesteckten Grenzen schadlos übertreten können. Aktuelles Beispiel ist etwa Aggro Berlin. Die skandalträchtigen HipHopper wie Sido, Bushido und Fler erreichten durch gezielte Provokationen und Tabubrüche in kurzer Zeit große Aufmerksamkeit in den Medien und bei den größtenteils jugendlichen Fans. Nachdem die Bundesprüfstelle viele ihrer Platten auf den Index gesetzt hatte und einige Konzertveranstalter geplante Auftritte absagten, schlägt das Pendel offenbar in die andere Richtung. Die Proll-Sprüche und das Ghetto-Gehabe wirken nicht mehr wunschgemäß.

Was fasziniert die Käufer / Fans an Tabubrüchen?

Dr. Roland Seim: (Rock-)Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur. Die Adoleszenzphase ist geprägt durch ein Aufbegehren gegen die Eltern, die Schule, das Spießer-System, den Staat oder was auch immer. Es gilt, Grenzen auszutesten, Extreme zu suchen. Musik liefert dazu im Idealfall den passenden Soundtrack zum jeweiligen Lebensgefühl. Das kann dann – je nach Zeitgeist – Phänomene wie die Hippies, die Punks oder den HipHop hervorbringen. Psychedelische Drogen, freie Liebe und Funktionalitätsverweigerung auf der einen, aggressive, anarchistische Musik, Atonalität und Schockattitüden auf der anderen Seite, beim Rap die Coolness von Ghetto, Straße und Gefängnis. Wenn Sid Vicious von den “Sex Pistols” mit einem Hakenkreuz-Emblem auftritt, wenn Nina Hagen in einer Live-Talkshow Masturbationstechniken simuliert, oder Norbert Hähnel, “Der Wahre Heino”, die deutsche Nationalhymne furzt, dann hat das natürlich etwas von Tabubruch. Ob das verkaufsfördernd wirkt oder nicht hängt davon ab, inwieweit es den Nerv trifft und authentisch ist. Wenn die Fans das Gefühl haben, dass da jemand etwas Neues und Relevantes wagt und riskiert, dann goutieren sie das zumeist auch. Bei innovativen Tabubrüchen schwingt eine Bewunderung mit, wenn sich Musiker etwas trauen, was der “einfache” Fan so nicht machen würde. Allerdings kann das bei zu häufigem oder vorhersehbarem Gebrauch dann auch ins Gegenteil umschlagen.

Heißt „extremer“ auch gleich „besser“?

Dr. Roland Seim: Tabubrüche sind keine olympische Disziplin. Höher, schneller, weiter funktioniert da nicht unbegrenzt. Im Black-Metal-Bereich oder im Grind Core etwa sind Steigerungen nur noch schwerlich möglich. Irgendwann laufen sich die ewig gleichen Tabubrüche auch tot. Wie gesagt kann bei dieser Spirale ins immer Extremere schnell der gegenteilige Effekt eintreten. Entweder verändert sich die Gesellschaft so, dass Vieles, was früher shocking war, nicht mehr als solches empfunden wird (z.B. Serge Gainsbourghs “Je t’aime”), oder die Fans kaufen den Musikern ihre ewigen Tabubrüche nicht mehr als authentisch ab. Abstumpfung ist eine weitere mögliche Reaktion. Aber auch die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie nivelliert Tabubrüche, wie es z.B. bei der Punk-Mode zu sehen war. Und nicht zuletzt ziehen Gesetze den extremsten Ausprägungen Grenzen.

Sind Tabubrüche ihrer Meinung nach auf bestimmte Bereiche / Genres / Zeiten / Altersgruppen beschränkt?

Dr. Roland Seim: Die Jugend ist in aller Regel experimentierfreudiger als die etablierte Mittelschicht der Musikkonsumenten. Das macht sie ja in den Augen von Jugendschützern so gefährlich bzw. gefährdet. Insofern sind die Zielgruppen für musikalische Tabubrüche schon beschränkt, da sich die Hörgewohnheiten mit fortgeschrittenem Alter bei vielen Leuten ändern. Auf Konzerten beispielsweise von “Gwar”, “Rock Bitch” oder Marilyn Manson werden sich vorwiegend jüngere Zuschauer finden. Traditionell eher aufmüpfige Genres sind z.B. der Punk- und Independentbereich, alle Spielarten der Metal-Szene und die meisten Sparten des HipHop. Äußerst fragwürdige Tabubrüche finden sich im Rechtsrock, der häufig Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und NS-Ideologien propagiert. Auch bei tabubrechenden Computerspielen ist die Hauptklientel eher jung. In anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie allerdings sind Grenzüberschreitungen eher altersunabhängig, z.B. was die verschiedensten Spielarten devianter Sexualitätspraktiken oder filmischer Gewaltdarstellung betrifft.

Wie stark Jugendkulturen von Tabubrüchen affiziert werden, hängt von Zeitgeist und Wertwandel ab. In einem Klima allgemeinen gesellschaftlichen Umbruchs wie etwa in den 68ern werden schneller überkommene Wertvorstellungen und Verhaltensmuster auch in der Populärmusik in Frage gestellt als in unpolitischen Phasen, die dann eher Phänomene wie Techno und House-Musik hervorbringen.

Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009.

Moderne Beispiele von Tabubrüchen in der Musik

5 July 2009 | No Comments » | Andreas Meier

Ein grundlegendes Problem wird bei der Untersuchung zum Thema Musik deutlich: Es ist kaum möglich, ein so komplexes Gebilde wie es die heutige Popmusik darstellt, wissenschaftlich korrekt abzubilden. Denn inzwischen scheint Musik viel mehr als nur Unterhaltung zu sein. Sie übt auch gesellschaftlichen Einfluss aus und sorgt sogar für die Entstehung so genannter Subkulturen.[1]

Mit Hilfe von Musik kann die soziale Kompetenz verstärkt werden. Ein Rezipient fühlt sich in seiner Gruppe wohl. Durch den Erwerb bzw. Konsum von bestimmter Musik erfolgt Integration. Gruppenprozesse und das Gemeinschaftserleben kann gesteigert werden. Ebenso fördert ein gemeinsamer Musikgeschmack die Kommunikation. Psychisch wirkt die Musik unter anderem auf die Emotionen. Beim Hörer kann Wut, Verzweiflung, Trauer und vieles mehr hervorgerufen werden. Ebenso kann Musik beruhigen oder trösten. Besonders schnelle, harte Musik kann auch die physischen Abläufe im Körper beeinflussen: Atmung und Herzschlag beschleunigen oder auch zur Entspannung beitragen.[2]

Tabubrüche gibt es in der modernen Musikbranche schon seit einiger Zeit. Ist es Anfang des 20. Jahrhunderts noch Jazz und Swing, der für Aufsehen sorgt und vom Naziregime sogar als entartet bezeichnet wird[3], so ist es in den 60er Jahren die Beatmusik. „Die frühe britische Beatmusik hat (…) ein Stereotyp von Jugend produziert – die Songs der Beatles, der Who, der Rolling Stones oder der Kinks bis etwa 1966 liefern Musterbeispiele dafür.“[4] Die Beatmusik sorgte für kreischende Mädchenmassen und einen Aufschrei in der Elterngeneration. Musikalisch folgte wenig später die „Hippie-Musik“, die der Jugend einen Hauch von Freiheit suggerierte und mündete schließlich in Rock, Hard Rock und Heavy Metal. Beispiele für besonders provozierende Künstler waren beispielsweise Alice Cooper oder Marylin Manson. Die Tabubrüche im Bereich der Musik bieten „als Medium des Ausbruchs und der Provokation (…) der Adoleszenz die Möglichkeit sich vom Alltag und der Erwachsenenwelt abzugrenzen oder gar eine Gegenposition dazu einzunehmen.“[5]

Jedes Beispiel eines Tabubruchs in der Musikgeschichte aufzuzählen ist bei der Vielzahl der inzwischen begangenen Tabubrüche wohl kaum mehr möglich. Dennoch gibt es einige herausragende Beispiele, die sicherlich etwas genauerer Betrachtung bedürfen. In junger Vergangenheit sind „Die Ärzte“, die „Böhsen Onkelz“ oder die „Fantastischen Vier“ als Beispiele zu nennen. Sie alle haben Grenzen übertreten und allesamt Kontakt mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gehabt.[6] Sie alle waren bzw. sind überaus erfolgreich und haben inzwischen zahlreiche goldene Schallplatten erhalten. Für diesen Beitrag sollen „Die Ärzte“ stellvertretend etwas genauer betrachtet werden.

„Die Ärzte“ setzen ihre kindischen Attitüden als kunstvoll erfundene Provokation gegen die Anfang der Achtzigerjahre viel zu ernst gewordene altlinke Berliner Szene ein. Anfangs noch wollen die Hausbesetzer mit ihnen die Charts erobern, doch der Plan funktioniert nicht. Das Publikum wechselt: die Punks bleiben weg, dann die Hausbesetzer und später auch die Studenten. Wer bleibt, sind die Kids, die auch heute noch in Scharen zu Konzerten der Berliner Spaßmusiker pilgern.

Die Frage stellt sich, was die Berliner Band so einzigartig macht. Zum Einen passen sie in keine Schublade. Für die Metal-Szene sind sie musikalisch nicht anspruchsvoll genug, für die Yuppie-Szene zu schmuddelig, und in die Punkbewegung passen sie aufgrund ihrer Texte auch nicht mehr. Die deutsche Rockmusik befindet sich auf einem Tiefpunkt und die Jugendlichen dadurch in einer Krise. „Die Ärzte“ füllten in mit ihren punkigen Kinderliedern in dieser Zeit eine Lücke und haben Erfolg. Ihre Lieder bestechen durch klare, einfache Rhythmen, eine kleine Melodie, gekonnte Reime und eine kleine Geschichte.[7] Aber etwas ganz anderes scheint sie so besonders zu machen: „Die Ärzte erzählen genau die Geschichten, die sich Kids ins Ohr flüstern, wenn die Eltern nicht zuhören.“[8]

Doch mit zunehmendem Interesse der Öffentlichkeit beginnt auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die damals noch unter dem Namen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften firmiert, sich für die Berliner Band zu interessieren. Die Alben „Debil“, „Die Ärzte“ und „Ab 18“ landen auf dem Index, was der Popularität der Band jedoch nicht schadet. Der Fernsehauftritt bei „Live aus dem Alabama“ am 12. Oktober 1987, einen Tag nachdem der Politiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde, katapultiert sie auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen. Bevor sie das indizierte Lied „Geschwisterliebe“ als Instrumentalversion zum Besten geben, fordert die Band das Publikum mit folgenden Worten auf, diesen Song nicht mitzusingen: „Singt dieses Lied nicht, Uwe Barschel hat es gesungen und ihr wisst, was aus ihm geworden ist!“[9] Dennoch: Trotz des Erfolges löste sich die Band aufgrund der Probleme mit der Bundesprüfstelle noch im gleichen Jahr auf.[10]

Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009, S. 49ff.

Literaturhinweise
[1]Wicke, P. (o. J.), Populäre Musik als theoretisches Konzept, In: URL: http://www2.huberlin.de/fpm/popscript/themen/pst01/pst01010.htm [am 09.02.2007].
[2]vgl. Zeise, T. (2006), Worte und Vinyl, Dissertation, München, 2006, S. 32 f.
[3]vgl. Jockwer, A. (2004), Unterhaltungsmusik im Dritten Reich, Dissertation, Konstanz, 2004, S. 518 ff.
[4]Wicke, P. (o. J.), Populäre Musik als theoretisches Konzept, In: URL: http://www2.huberlin.de/fpm/popscript/themen/pst01/pst01010.htm [am 09.02.2007].
[5]Zeise, T. (2006), Worte und Vinyl, Dissertation, München, 2006, S. 34.
[6]vgl. Seim, R., Spiegel, J. (2001), Der kommentierte Bildband zu „Ab 18“ – zensiert, diskutiert, unterschlagen – Zensur in der deutschen Kulturgeschichte, 2001., S. 176 ff.
[7]vgl. Wagner, P. (1999), Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland, Hamburg, 1999., S. 179 f.[8]Wagner, P. (1999), Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland, Hamburg, 1999., S. 180.
[9]Roth, W.-D. (2003), Ein überdimensionales Fanbuch frisst die Ärzte auf, In: URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16383/1.html, Heise Zeitschriftenverlag (Hrsg.).
[10]Anmerkung: Die Band gibt es seit 1993 mit neuem Bassisten wieder. Allerdings hatten die
Ärzte seitdem keine Probleme mehr mit der BPjM.