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Neues von Gloria

9 October 2012 | No Comments »

Stefan Kuzmany schreibt aktuell in Spiegel Online über das neue Musikvideo von Joachim Witt: “Die Musik ist mies, die Bildsprache brutal und schwülstig. Das Video zum neuen Song ‘Gloria’ von Joachim Witt wäre eigentlich keiner Erwähnung wert, würde es nicht neben schwarz beflügelten Engeln, einem seltsamen Fantasy-Typen mit drei Augen und einer katholischen Prozession in einer Berglandschaft auch Bundeswehrsoldaten zeigen.” Über die Reaktionen von Ulrich Krisch, dem Vorsitzenden des Bundeswehrverbandes habe gestern bereits geschrieben. Inzwischen gibt es aber eine neue Entwicklung: Das Bundesfamilienministerium hat aufgrund von Anfragen aus der Bevölkerung die Indizierung des Videos beantragt – Privatpersonen können einen solchen Antrag selbst nicht stellen und müssen sich daher bspw. an ein Ministerium, das Jugendamt oder die Polizei werden. Die Entscheidung soll bis Anfang kommender Woche getroffen werden. Damit läuft die Provokations-Werbetrommel also wie geschmiert.

Weitere Informationen:

Joachim Witt: Gloria

8 October 2012 | No Comments »

Mit dem Musikvideo zu “Gloria” hat Joachim Witt eine gekonnte Provokation gelandet: Das Video zeigt, wie Bundeswehrsoldaten in einem nicht näher spezifizierten Einsatzgebiet eine Frau vergewaltigen. Das Einsatzabzeichen am Ärmel lässt auf einen Nato-Einsatz schätzen. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch, sagte dazu: „Bei aller künstlerischer Gestaltungsfreiheit: Das Video verunglimpft deutsche Soldaten in geschmackloser Weise.” Weiterhin rief er dazu auf, dass man auf der Facebook-Seite hinterlassen sollte. Damit ist nicht nur der Skandal, sondern auch der zugehörige Shitstorm perfekt. Inzwischen geht dies aber soweit, dass der Künstler sogar Morddrohungen erhält. Witt: „Ich habe mich entschuldigt und wollte niemandem zu nahe treten. Ich bin dankbar für jeden Soldaten, der etwas Gutes tut und fühle mit den Familien, die Familienmitglieder im Einsatzgebiet haben oder verloren haben.

Die Provokation ist dabei sicherlich eingeplant. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Provokation auch positiv auf die Verkäufe auswirkt. Witt: „Ich entschuldige mich allerdings NICHT dafür, dass ich Krieg, Umweltverschmutzung und viele anderen Themen, die in diesem Video angesprochen werden, traurig finde. Das darf ein deutscher Künstler. Die Aussage des Liedes ist voller Liebe. Hört einfach mal genau hin.”

Zitatquelle: Bild.de

 

Lady Gaga und Doktor Tod

23 June 2010 | No Comments »

Wie Bild.de berichtet plant Lady Gaga einen neue Tabubruch.


Lady GaGa — Alejandro – MyVideo

Nachdem bereis ihr jüngstes Video mit interessanter Optik, die teilweise an totalitäre Systeme erinnert und sich – ähnlich wie Repo! The Genetic Opera – einer Mischung aus Moderne mit Barock bedient (das Video nutzt außerdem typische “Tim Burton”-Elemente), für Aufsehen gesorgt hatte, plant Lady Gaga einen neuen Paukenschlag. Presseberichten zufolge soll sie bei ihrer Tour im kommenden Frühjahr plastinierte Leichen als Bühnendekoration nutzen wollen. Klingt makaber, ist es auch. Wie ernst dies gemeint ist, und was die Behörden dazu sagen, bleibt ab zu warten. Sicherlich wird sie aber erneut für einigen Gesprähsstoff sorgen.

Rammstein wieder legal

11 June 2010 | No Comments »

Das Album “Liebe ist für alle da” der Skandalrocker von Rammstein ist wieder vom Index für jugendgefährdende Medien genommen worden. Wie die Welt in ihrer Onlineausgabe berichtet hat das Kölner Verwaltungsgericht Ende Mai 2010 die Entscheidung vom November vorherigen Jahres auf. Die Richter sagten “Das Lied enthält gerade keine detaillierte Darstellung von wirklichkeitsnahen Gewaltexzessen.” Stattdessen würde Gewalt nur angedeutet und surreal übersteigert werden, so die Begründung weiter.

Senkrechtstart

12 January 2010 | No Comments »

Das Branchenmagazin “Musikmarkt” nennt das vergangenene Jahr zurecht das Jahr der Lady Gaga: “Innerhalb weniger Monate erreichte Lady Gaga, was andere in zehn Jahren nicht hinkriegen. Von einer exzentrischen New Yorker Perfomance Künstlerin und talentierten Nachwuchs-Songschreiberin entwickelte sie sich zum Shootingstar des Jahres.”[1]

Laut der Statistik der IFPI[2] erhielt Lady Gaga im Jahr 2009 insgesamt 2 mal Platin und 2 mal Gold Auszeichnungen für ihre Veröffentlichungen: “Pokerface” (1x Gold / Doppelplatin) und “Fame” (Gold). Damit hat Lady Gaga im vergangenen Jahr über 600.000 Singles und 100.000 Alben verkauft.[3] Derzeit befindet sich ihre neue Single “Bad Romance” auf Platz 1 der Singlecharts, während ihr Album “The Fame Monster” Platz 1 der Albumcharts inne hat.[4]

Doch woher kommt dieser Erfolg? Der Senkrechtstart von null auf Hundert?

Einen ersten Namen machte sich die Künstlerin mit ausgefallenen Performances in der New Yorker Clubszene und erhielt so noch vor ihrem 20. Geburtstag einen Vertrag. Nachdem sie Songs für die Pussycat Dolls oder die New Kids On The Block geschrieben hatte, wagte sie sich mit der Zeit auch an ein eigenes Solo-Album.[5] “Ihre schrillen Auftritte erledigten den Rest. Lady Gaga hat den Begriff Exzentrik neu definiert. Als Teenager stakste sie mit einer Nebelmaschine in der Handtasche durch die Clubszene. Heute versorgt Lady Gaga die Boulevard-Presse mit SM-ähnlichen Masken, obskuren Outfits sowie gekonnt inszenierten Verwirrspielchen um ihr Geschlecht mit ausreichend Futter.”[6] Constantin Herrmann bezeichnet das aktuell Video von Lady Gaga in seinem Blog als “zugleich makaber und verstörend, dabei aber ungeheuer sexy und sinnlich”.[7] Lady Gaga spielt mit ihrem Image als durchgeknallte Künstlerin und sorgt sowohl mit ihrer Musik, als auch mit ihren Outfits und Videos immer wieer für Aufsehen. Dadurch kann man als Rezipient immer wieder darauf gespannt sein, was als nächstes passiert.

Gleichzeitig lässt sich die Künstlerin diese Outfits aber auch viel Geld kosten. Medienberichten zufolge soll die Künstlerin mit ihrer “Monster Ball”-Tour einen Verlust von über 2 Millionen Euro einfahren.[8] Zudem wird ein Mitarbeiter zitiert: “Es wurde ein Vermögen für spezielle Kostüme, die technische Ausstattung und aufwendige Bühnendesigns ausgegeben. Doch Lady Gaga bekommt, was Lady Gaga haben will. Allein ihre Garderobe ist enorm, sie will schockieren – und das kostet eben richtig Geld.”[9]

Zusammenfassend lässt sich bisher feststellen: Lady Gaga sorgt also in jeder Hinsicht für Aufmerksamkeit. Sei es mit ihrer Musik, ihren Outfits oder der wirtschaftlichen Situation. Dass Kalkül hinter dem gesamten öffentlichen Produkt “Lady Gaga” steht, dürfte mittlerweile unbestreitbar sein. Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt ein Blick auf die zuvor bereits erwähnten Verkaufszahlen dieses und vergangenen Jahres. Lady Gaga ist ein Musterbeispiel für Erfolg mit Hilfe – oder vielleicht eher aufgrund – von Tabubrüchen. Wir dürfen gespannt sein, womit uns die Künstlerin in diesem Jahr provoziert und überrascht.

Literaturhinweise:
[1] Wellinger, R. (2010), “The Year Of Gaga”: Lady Gaga räumt 2009 ab, In: URL: http://www.musikmarkt.de/site/start/il/1/bid/18985/ridtb/77/pid/1, Musikmarkt (Hrsg.).
[2]o.V. (o.J.), Gold- / Platin-Datenbank, In: URL: http://www.musikindustrie.de/gold_platin_datenbank/, Bundesverband Musikindustrie (Hrsg.).
[3]o.V. (o.J.), Richtlinien für die Verleihung von Goldenen Schallplatten und Platin-Schallplatten, In: URL: http://www.musikindustrie.de/uploads/media/ms_gold_richtlinie_tontraeger2008_02.pdf, Bundesverband Musikindustrie (Hrsg.).
[4]o.V. (2010a), Lady Gaga zweimal auf Platz eins, In: URL: http://www.zeit.de/newsticker/2010/1/12/iptc-bdt-20100112-277-23519600xml, DPA (Hrsg.).
[5]vgl. Wellinger, R. (2010).
[6]Wellinger, R. (2010).
[7]Herrmann, C. (2010), Lady Gaga und der Burj-Tower in Dubai oder: Die Zukunft wird teuer!, In: URL: http://www.alzd.de/2010/01/12/lady-gaga-burj-tower-duft/.
[8]vgl. o.V (2010b), Lady Gaga macht Verlust, In: URL: http://www.bild.de/BILD/unterhaltung/telegramm/unterhaltungs-telegramm,rendertext=11019992.html, Bild.de (Hrsg.).
[9] o.V. (2010b).

Interview mit Dr. Roland Seim

9 January 2010 | No Comments »

Dr. Roland Seim ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher (“Ab 18″, “Nur Für Erwachsene”, etc.) und Beiträge zum Thema Zensur in Deutschland.

Was ist für Sie ein Tabubruch bzw. wie würden Sie den Begriff „Tabubruch“ definieren?

Dr. Roland Seim: Es gibt in einer Gesellschaft vor allem drei Gründe, etwas nicht zu tun: Entweder es besteht ein gesetzliches, ein moralisches oder ein alltägliches Verbot. Allen dreien ist sowohl das Moment des Tabus als auch der Strafe immanent. Allerdings beinhaltet nicht jedes Verbot gleich auch ein Tabu.

Der ursprüngliche, polynesische Begriffsgehalt von Tabu als etwas “Unantastbares” besaß auch den Aspekt des Heiligen, das man nicht durch Berührung (oder Thematisierung) besudeln durfte. Freud fügte dieser Bedeutung die Sphäre des Unheimlichen, Verbotenen, Gefährlichen und Unreinen hinzu. Das begehrte Objekt ist zugleich das Verbotene. Ein Dilemma, aber auch ein Faszinosum.

Die alte Bedeutung wurde in der westlichen säkularen Welt durch konventionelle Normen, sittliche Schranken und moralische Werte ersetzt. Dabei sind Tabus geopolitisch und zeithistorisch extrem variabel, je nachdem, was die Mehrheit jeweils als Grenzen festlegt. Auch Verstöße werden unterschiedlich geahndet. Was dich früher oder in einem fundamentalistischen Gottesstaat den Kopf kosten kann, erntet heute bzw. in anderen Regionen nur ein müdes Lächeln. Tabubrüche in Diktaturen sind riskanter als in freiheitlichen Gesellschaftsformen. Insofern relativieren sich viele vermeintliche “Tabubrüche” in westlichen Staaten, da sie vergleichsweise risikoarm sind.

Im Begriff Tabuisierung schwingt seit Aufklärung und Moderne häufig eine negative Konnotation von Totschweigen mit. So gesehen wäre der Tabubruch eigentlich etwas Positives – die Durchbrechung von oktroyierten Kommunikationsbarrieren. Allerdings ist fraglich, ob eine völlig schranken- und hemmungslose Erweiterung der Grundprinzipien der Moderne – Freiheit, Autonomie und Emanzipation – wirklich so günstig für die Gesellschaft ist. Das Tabu wird selbst zum Tabu. Der zwanghafte Tabubruch um seiner selbst willen langweilt bald. Hedonismus kann schnell in Egoismus umschlagen. Vielleicht ist ein scheinbar so veralteter Begriff wie Scham doch der menschlichen Natur näher als der manische Exhibitionismus, den die Medien vorgaukeln, vor allem wenn es um das gütliche Miteinander geht. In größeren Gemeinschaften sind Respekt, Treue, Rücksichtnahme und Toleranz Werte, die den öffentlichen Frieden bewahren sollen.

Glauben Sie, dass Tabubrüche eher unabsichtlich oder eher absichtlich eingesetzt werden?

Dr. Roland Seim: In aller Regel geht es um die rare Währung Aufmerksamkeit. Tabubrecher erwarten eine reflexhafte Reaktion der Öffentlichkeit, einen Aufschrei der Entrüstung, Empörung. In einer freien Gesellschaft mit einem erweiterten Kunstbegriff werden Tabubrüche immer schwieriger. Inflationär eingesetzt funktionieren sie nicht mehr, da sich die zeitgemäßen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen der Leute daran gewöhnen, ja fast schon erwarten. Nicht die Spießigkeit, sondern ein libertärer Zeitgeist ist der eigentliche Gegner des funktionierenden Tabubruchs. Eingesetzt, um hip und in zu sein, verkommt er zum öden Mainstream, zwingt die Protagonisten zum rituellen Tabubruch, um nicht uncool zu erscheinen. Dann werden echte Tabubrüche als eye catcher immer schwieriger. Madonna z.B. versucht immer wieder, Blasphemie als Hingucker einzusetzen. Oder all die “bad language” und halbnackten Girls in den HipHop-Videos, die höchstens noch Jugendschützer schocken. Auch Gewaltdarstellung ist als Stilmittel in der Alltagskultur angekommen.

Von wem werden diese eingesetzt? Eher von Bands oder eher von den Labels?

Dr. Roland Seim: Schwer zu sagen, vermutlich von beiden Seiten, wenn der Erwartungsdruck der Fans entsprechend besteht. Sowohl den Künstlern als auch den Labels geht es um Image und Credibility ihrer “Marke”, ihres “Styles”. Es dürfte schon viel Selbstvertrauen und Unabhängigkeit dazu gehören, wenn bekannte Tabubrecher plötzlich etwas unerwartet völlig Harmloses machen wollten, z.B. wenn eine Death Metal-Band plötzlich barfüßig Friedenslieder singt, der Gangsta-Rapper mit dem Fahrrad fährt oder der coole Chick-Checker sich einen runterholt. Womöglich wären Verstöße gegen die rentablen Erwartungshaltungen der Zielgruppe die tatsächlichen Tabubrüche. Die größten Tabus in der schnell drehenden, auf Event, Action und Skandal abzielenden Unterhaltungsbranche dürften aber Langeweile, Verweigerung und Normalität sein. Aber wenn Einbußen zu befürchten sind, scheut das Business vor solchen Quotenkillern doch zurück.

Wo glauben Sie, werden Tabubrüche eingesetzt und warum?
(eher aus image- oder eher aus wirtschaftlichen Gründen?)

Dr. Roland Seim: Image und Rentabilität dürften da identisch sein.  Juvenile, um nicht zu sagen pubertäre Grenzüberschreitungen gehören zum Big Business dazu wie Weihwasser in der Kirche. Nur wenige Künstler haben sich da derartige Freiräume schaffen können, dass sie weitgehend unabhängig davon sind. Vielleicht ist David Bowie ein gutes Beispiel, der sich chamäleonartig immer wieder neu erfindet und eingefahrene Klischees enttäuscht. Allerdings hatte auch das seine Grenzen, als er während seiner Berliner Zeit Ärger wegen seiner missverständlichen Äußerungen zu Hitler bekam.

Was wären gute Beispiele für Tabubrüche allgemein?

Dr. Roland Seim: Das wohl älteste und in praktisch allen Gesellschaftsformen bestehende Tabu ist das des Inzestes. Auch psychopathologische Aberrationen wie Kannibalismus und Nekrophilie dürften alte Tabus sein. Die wichtigsten heutigen Tabuthemen sind z.B. Kinderpornographie, die eigentlich überall (zurecht) geächtet ist, und – speziell in Deutschland – Antisemitismus. Arne Hoffmann nennt in seinem “Lexikon der Tabubrüche” folgende klassischen Tabusphären: Sexualität, Religion, Tod, Körper, Politik, Geld, Gefühle, Kontrollverlust und Versagen. In der alltäglichen Kommunikation sind einige Tabuthemen etwa Alterungserscheinungen, Arbeitslosigkeit, Fettleibigkeit, Gehaltsfragen, Haarausfall, Impotenz, Krankheiten, Mundgeruch, Selbstbefriedigung bzw. keinen Sex haben, Tod und Sterben. Diese peinlichen Themen anzusprechen mag zwar ein Tabubruch sein, dürfte aber nicht gerade die Beliebtheit steigern. Mitmenschen verletzende Tabubrüche können im privaten Bereich zu Ausgrenzung, Isolierung bis hin zum “sozialen Tod” führen. Gesellschaftsfähig sind durch die Comedy Witze über Frauen, Behinderte, Ausländer, Homosexuelle, Gläubige usw. geworden. Im musikalischen Unterhaltungsbereich sind die üblichen Verdächtigen in Sachen unerwünschtes Verhalten bzw. Tabubruch Sex, Gewalt, Faschismus, Blasphemie, Drogen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauendiskriminierung und Fäkalsprache. Aktuell ist das Thema Terrorismus durchaus ein Tabuthema in der Unterhaltungsmusik. Man macht keine kritischen Texte über 9/11. Political Correctness hingegen hat etwas an Strahlkraft eingebüßt, auch wenn die “Dixie Chicks” mit ihren Bush-Äußerungen das Thema noch einmal aufkochten. Nacktheit als Tabu ist in manchen Staaten noch akut, wie Janet Jacksons “Nipplegate” zeigte. Diskriminierende Sprache und Gewalt hingegen ist eher ein Tabu bei deutschen Texten.

Glauben Sie, dass ein Tabubruch Auswirkungen (positiv und negativ) auf die Verkäufe hat?

Dr. Roland Seim: Kommt drauf an, welches Land, welche Zeit, welches Genre und welche Zielgruppe man meint. Aufmerksamkeitssteigernde Geschmacklosigkeiten und Skandale können durchaus verkaufsfördernd wirken. Bekannte Schock-Rocker wie Alice Cooper oder Marilyn Manson wären ohne ihre Aura des Bösen sicher nicht so erfolgreich geworden. Strafrelevante Tabubrüche hingegen sind wegen der Zensurfolgen (Indizierung, Verbote, Gerichtsverfahren, Unterlassungsklagen, Schmerzensgeldzahlungen, Auftritts- und Sendeboykotte etc.) dem Erfolg letztlich eher abträglich. “Die Ärzte” profitierten letztlich von den Skandalen; der Osnabrücker Comedy-Band “Die Angefahrenen Schulkinder” kam der Prozess wegen ihres Songs “I wanna make love to Steffi Graf” teuer zu stehen. Insofern testen die Musiker bei dieser Gratwanderung, wie weit sie die gesellschaftlich gesteckten Grenzen schadlos übertreten können. Aktuelles Beispiel ist etwa Aggro Berlin. Die skandalträchtigen HipHopper wie Sido, Bushido und Fler erreichten durch gezielte Provokationen und Tabubrüche in kurzer Zeit große Aufmerksamkeit in den Medien und bei den größtenteils jugendlichen Fans. Nachdem die Bundesprüfstelle viele ihrer Platten auf den Index gesetzt hatte und einige Konzertveranstalter geplante Auftritte absagten, schlägt das Pendel offenbar in die andere Richtung. Die Proll-Sprüche und das Ghetto-Gehabe wirken nicht mehr wunschgemäß.

Was fasziniert die Käufer / Fans an Tabubrüchen?

Dr. Roland Seim: (Rock-)Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur. Die Adoleszenzphase ist geprägt durch ein Aufbegehren gegen die Eltern, die Schule, das Spießer-System, den Staat oder was auch immer. Es gilt, Grenzen auszutesten, Extreme zu suchen. Musik liefert dazu im Idealfall den passenden Soundtrack zum jeweiligen Lebensgefühl. Das kann dann – je nach Zeitgeist – Phänomene wie die Hippies, die Punks oder den HipHop hervorbringen. Psychedelische Drogen, freie Liebe und Funktionalitätsverweigerung auf der einen, aggressive, anarchistische Musik, Atonalität und Schockattitüden auf der anderen Seite, beim Rap die Coolness von Ghetto, Straße und Gefängnis. Wenn Sid Vicious von den “Sex Pistols” mit einem Hakenkreuz-Emblem auftritt, wenn Nina Hagen in einer Live-Talkshow Masturbationstechniken simuliert, oder Norbert Hähnel, “Der Wahre Heino”, die deutsche Nationalhymne furzt, dann hat das natürlich etwas von Tabubruch. Ob das verkaufsfördernd wirkt oder nicht hängt davon ab, inwieweit es den Nerv trifft und authentisch ist. Wenn die Fans das Gefühl haben, dass da jemand etwas Neues und Relevantes wagt und riskiert, dann goutieren sie das zumeist auch. Bei innovativen Tabubrüchen schwingt eine Bewunderung mit, wenn sich Musiker etwas trauen, was der “einfache” Fan so nicht machen würde. Allerdings kann das bei zu häufigem oder vorhersehbarem Gebrauch dann auch ins Gegenteil umschlagen.

Heißt „extremer“ auch gleich „besser“?

Dr. Roland Seim: Tabubrüche sind keine olympische Disziplin. Höher, schneller, weiter funktioniert da nicht unbegrenzt. Im Black-Metal-Bereich oder im Grind Core etwa sind Steigerungen nur noch schwerlich möglich. Irgendwann laufen sich die ewig gleichen Tabubrüche auch tot. Wie gesagt kann bei dieser Spirale ins immer Extremere schnell der gegenteilige Effekt eintreten. Entweder verändert sich die Gesellschaft so, dass Vieles, was früher shocking war, nicht mehr als solches empfunden wird (z.B. Serge Gainsbourghs “Je t’aime”), oder die Fans kaufen den Musikern ihre ewigen Tabubrüche nicht mehr als authentisch ab. Abstumpfung ist eine weitere mögliche Reaktion. Aber auch die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie nivelliert Tabubrüche, wie es z.B. bei der Punk-Mode zu sehen war. Und nicht zuletzt ziehen Gesetze den extremsten Ausprägungen Grenzen.

Sind Tabubrüche ihrer Meinung nach auf bestimmte Bereiche / Genres / Zeiten / Altersgruppen beschränkt?

Dr. Roland Seim: Die Jugend ist in aller Regel experimentierfreudiger als die etablierte Mittelschicht der Musikkonsumenten. Das macht sie ja in den Augen von Jugendschützern so gefährlich bzw. gefährdet. Insofern sind die Zielgruppen für musikalische Tabubrüche schon beschränkt, da sich die Hörgewohnheiten mit fortgeschrittenem Alter bei vielen Leuten ändern. Auf Konzerten beispielsweise von “Gwar”, “Rock Bitch” oder Marilyn Manson werden sich vorwiegend jüngere Zuschauer finden. Traditionell eher aufmüpfige Genres sind z.B. der Punk- und Independentbereich, alle Spielarten der Metal-Szene und die meisten Sparten des HipHop. Äußerst fragwürdige Tabubrüche finden sich im Rechtsrock, der häufig Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und NS-Ideologien propagiert. Auch bei tabubrechenden Computerspielen ist die Hauptklientel eher jung. In anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie allerdings sind Grenzüberschreitungen eher altersunabhängig, z.B. was die verschiedensten Spielarten devianter Sexualitätspraktiken oder filmischer Gewaltdarstellung betrifft.

Wie stark Jugendkulturen von Tabubrüchen affiziert werden, hängt von Zeitgeist und Wertwandel ab. In einem Klima allgemeinen gesellschaftlichen Umbruchs wie etwa in den 68ern werden schneller überkommene Wertvorstellungen und Verhaltensmuster auch in der Populärmusik in Frage gestellt als in unpolitischen Phasen, die dann eher Phänomene wie Techno und House-Musik hervorbringen.

Quellenangaben
Übernommen aus: Meier, A. (2009), Tabubrüche in der Musik, 2009.

News: Rammstein – Liebe ist für alle da

8 November 2009 | No Comments »

Das neue Album der Skandalrocker Rammstein ist mit sofortiger Wirkung nicht mehr frei erhältlich. Nach der Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) darf das Album weder beworben werden, noch an Jugendliche unter 18 Jahren abgegeben werden. Die Indizierung erfolgte Auftrag von Bundesfamilienminister Ursula von der Leyer – in der Blogosphäre gerne auch Zensursula genannt. Die Band selbst zeigte sich der FAZ  zufolge “bestürzt”. Christian Lorenz, Schlagzeuger der Band sagte der Zeitung, die Musik der Band richtig einzuordnen “sollte man eigentlich jedem Menschen mit einem Minimum an Verstand und Reflexionsvermögen zutrauen.”

Ob die Indizierung, die mit der Animation zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr und der Propaganda von Sado-Maso-Praktiken begründet wurde, nun dem Erfolg der Band schadet bleibt abzuwarten. Ich denke dennoch, dass sich die Indizierung letzten Endes positiv für die Band auswirken könnte. Ich frage mich allerdings, mit welcher Begründung das Rammstein-Album indiziert wurde, während Songs von Frauenarzt oder Sido (insbesondere der Arschficksong) nicht als jugendgefährdend eingestuft werden. Hier scheint meiner Meinung nach mit zweierlei Maß gemessen worden zu sein – vielleicht hatte auch die Antragstellerin einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entscheidung des Gremiums.

Nun ist es offiziell: Pussy-Video nur PR-Gag

19 October 2009 | No Comments »

Vor kurzem befand sich der neue Rammstein-Song – wie bereits berichtet – auf Platz 1 der deutschen Singlecharts. Damit ist in diesem Fall der Trick einen gezielten Tabubruch zu provozieren, in dem man an anstößiges Video produziert, vollkommen aufgegangen. Gitarrist Richard Kruspe äußerte sich in einem Interview mit der Welt zum Erfolg der Single: “Jede andere Band hätte gesagt: Einen Porno können wir nicht drehen, das wird ja nie im Musikfernsehen gezeigt. Ich habe gehört, dass es so innerhalb von zwei Wochen über zwei Millionen Menschen gesehen haben. Es gibt also auch andere Wege, man muss sich nicht immer verbiegen.” Die Welt selbst schlußfolgert in einem zugehörigen Artikel: “Die Gruppe hecke unermüdlich widerwärtige Provokationen aus, um sich auf Kosten von Moral und Anstand zu bereichern. Da ist etwas dran.” Dennoch sieht die Welt der Effekt als verfehlt an, da die Boulevard-Journalisten eher empört berichtet hätten, statt das “sexy Video” zu feiern. Die Verkaufszahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Verstärkt wurde der verkaufsfördernde Effekt noch dadurch, dass man eines der Bandmitglieder mit einem Frauenkörper zeigte, wodurch nicht nur diskutiert wurde, ob man so ein Video überhaupt machen darf, sondern auch darüber, ob überhaupt wirklich die Bandmitglieder zu sehen sind oder diese gedoubled wurden.

Und selbst dabei gehen die Meinungen auseinander. Wie die Taz berichtet, sagte Gitarrist Paul Landers der FAZ, man habe in einem Berliner Bordell gedreht und die Bandmitglieder mussten nacheinander “ran”. Shortnews berichtet inzwischen, dass das Video zur neuen Rammstein Single Pussy, die vor wenigen Wochen erschienen ist – wie bereits vermutet – nur ein PR-Gag war. Dabei bezieht sich der Kurznachrichtendienst auf einen Blogeintrag bei zweinullig.de. Dort wird passend zusammengefasst: “Manchmal braucht es keine tolle Melodie oder keine sinnvolle Texte um mit einem Lied die Charts zu stürmen. Viel wichtiger ist heutzutage, dass man seinen Song richtig vermarktet und promotet.” Leider ohne weitere Quellenangaben. Treffender wird da die schweizerWebseite 20min.ch: Drummer Christoph Schneider, berichtete dem Dienst,  dass die Band den Akt nur gespielt habe: “Wir lieben nun mal die Provokation. Ausserdem hatten wir keinen Sex. Wir haben nur so getan, als ob.”

Welcher der Musiker nun Recht behält bleibt offen, dass jedoch eines der Bandmitglieder in dem Video als Frau gezeigt wird, legt den Schluß einer Montage und gedoubleten Szenen durchaus nahe. Das zugehörige Album Liebe ist für alle da ist am vergangenen Freitag erschienen. In wenigen Tagen wissen wir, ob sich die Provokation/Promoaktion auch auf dessen Verkaufszahlen ausgewirkt hat.

Rammsteinvideo zensiert? – Provokation wirkt!

29 September 2009 | 1 Comment »

Wer derzeit auf der Suche nach dem aktuellen Rammsteinvideo Pussy ist, wird teilweise enttäuscht. Derzeit ist das Video nicht nur aus dem deutschsprachigen Netz verschwunden, ist über den bekannten “offiziellen” Link bei X-Visit nicht mehr erreichbar, sondern laut shortnews auch von ausländischen Servern verschwunden.  Stattdessen erhält der Nutzer folgende Meldung:

Diese Seite ist vorübergehend aus rechtlichen Gründen aus Deinem Land nicht mehr abrufbar. Das Rammstein-Video “Pussy” werden wir voraussichtlich ab Mittwochvormittag wieder zeigen können…

Über die Hintergründe dazu ist auf der Seite nichts weiteres zu finden. Es wird jedoch spekuliert, dass es sich um einen Fall von Zensur und “Netzsperren in Aktion” handelt. Ein wirksamer Jugendschutz könnte nämlich bei Visit-X durch verschiedene Altersverifizierungssysteme sichergestellt werden.

Gleichzeitig erreicht uns die Nachricht, dass die Provokation von Rammstein offenbar wirkt. Die neue Single steigt von Platz 0 auf 1 in die deutschen Singlecharts ein. Damit ist Pussy, die erste Rammstein-Single überhaupt, die bis an die Spitze der Charts klettern konnte – und dazu gleich von 0 auf 1 eingestiegen ist.

Und Rammstein sind mit ihrer Provokation noch lange nicht am Ende. Das langerwartete Album Liebe ist für alle da, wird es aller Voraussicht nach auch in einer besonderen Deluxeedition mit sechs Dildos, Gleitgel, und Handschellen geben. Das ganze zum Preis von ca. 180 Euro.

News: Carlo Cokxxx Nutten 2

21 September 2009 | No Comments »

Ganz frisch eingetroffen: Die neuen Media Control Charts. Bushido und Fler starten unter den Pseudonymen Sonny Black und Frank White mit ihrem Album Carlo Cokxxx Nutten 2 durch: Von 0 auf 3 in die offiziellen Albumcharts. Kitty Kats Album Miyo fällt nach einem starken Platz in der Vorwoche bereits in dieser Woche auf Platz 94 zurück – vielleicht haben sich bei ihr die Tabubrüche dann doch nicht so ausgezahlt wie erhofft.